Nahrhaftes Gender, tödliche Esoterik

Ein relativ nützlicher Rat an frischgebackene Eltern ist: Was du vor der Geburt erledigen kannst, erledige vorher. Behördenmistanträge schon mal ausfüllen, Kitas angucken etc. Man schafft sowieso nicht alles, besonders wichtig aber: Schon mal Kinderärzt_innen kontaktieren. Andererseits läuft man Gefahr, eine Woche nach der Geburt hektisch alle möglichen Praxen anzurufen, um rauszufinden, ob sie neue Patient_innen aufnehmen. Also waren wir tatkräftige und kompetente werdende Eltern und haben einer Kinderärztin, die uns sogar empfohlen wurde („nicht zu umständlich, aber auch nicht zu kurz angebunden“) den errechneten Geburtstermin mitgeteilt und angekündigt, dass wir ein, zwei Wochen nach der Entbindung mit dem kleinen Menschen vorbeikommen würden.


Und so haben wir es gemacht. Ich war ganz hochgemut, denn – nachdem wir von diversen Hebammen-Websites nur so bombardiert worden sind mit Homöopathie und sogenannter Impfkritik – freute ich mich darauf, dass uns von nun an eine Person mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, die mit dem Unterschied zwischen Hokuspokus und Medizin vertraut ist. Während es nach drei Besuchen in der Praxis zu früh sein mag, sich ein Urteil über unsere Kinderärztin als Ärztin zu bilden, bin ich mittlerweile in anderer Hinsicht ziemlich ernüchtert. Beim dritten Besuch fiel mir nämlich eine Broschüre ins Auge, die ziemlich prominent auf dem Empfangstresen der Praxis auslag. Das Faltblättchen trägt den Titel „Gender mich nicht!“, will über Gender Mainstreaming informieren und wird von der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit herausgegeben. Unter Gender Mainstreaming versteht man darin den Versuch, die von „lesbischen Feministinnen“ entworfene Gender-Theorie zu gebrauchen, um „die Ehe zwischen Mann und Frau“ in Frage zu stellen und jede Menge Geld zu schaufeln: „Eine ganze Gender-Industrie ernährt sich inzwischen von staatlichen Geldern und Zuschüssen, Projekten und Gremien.“ Ich Uneingeweihter glaubte bislang ja, mit Gender Mainstreaming sei einfach die Aufhebung von geschlechtlicher Diskriminierung in Institutionen gemeint. Das sagt sogar der Duden: Gender Mainstreaming ist die „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“. Dank Junger Freiheit weiß ich es jetzt besser und spiele mit dem Gedanken, mich in der Gender-Industrie zu bewerben, um mich durch sie von staatlichen Geldern nähren zu lassen. Ähem.


Die Junge Freiheit sieht sich als Debattenblatt der intellektuellen Rechten. Allerdings finde ich – und das ist gar nicht polemisch gemeint – ihr Niveau erschütternd niedrig, und teilweise merkt man den Artikeln an, dass es schlicht und einfach an journalistischem Handwerkszeug fehlt. Die „Gender-Ideologie“, für die es „keinen wissenschaftlichen Beweis“ gibt, wird die Junge Freiheit nicht müde zu bekämpfen. Mit Vorliebe bezieht sie sich dabei auf die antifeministische Publizistin Birgit Kelle,¹ die die akademischen Gender Studies mit Argumenten wie dem folgenden ablehnt: „Die Mehrheit der Menschen versteht das Gender-Konzept nicht und sieht keinen Bezug zum eigenen Leben.“ Nun liegt es in der Natur einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, dass es nicht nur zu jedem wissenschaftlichen Fach, sondern auch zu fast jeder beruflichen Kompetenz eine Mehrheit von Menschen gibt, die nichts davon versteht und keinen Bezug zum eigenen Leben sieht. Das heißt, es wäre zutiefst irrational, diese jeweiligen Mehrheiten das entscheidende Urteil über den betreffenden Gegenstand fällen zu lassen.² Kelles Aussage verrät ein tiefes Unbehagen über die komplexe Natur gesellschaftlicher Arbeitsteilung. In ihr verbirgt sich der Wunsch nach Rückkehr zu übersichtlicheren, geordneten und vor allem: autoritären Verhältnissen. In der Esoterik und der Alternativmedizin wird dieser Wunsch gewöhnlich unter dem Stichwort Ganzheitlichkeit bzw. Holismus verhandelt.


Interessanterweise finden sich in der Jungen Freiheit sowohl Beiträge, die alternative Therapien wie Homöopathie ablehnen, als auch solche, die sich als offensive Werbung für Alternativmedizin verstehen lassen. 2010 erschien in der Jungen Freiheit eine Eulogie auf das Magazin natur & heilen, laut Untertitel eine Monatszeitschrift für gesundes Leben. Der Slogan des Magazins lautet „Gesund. Leben. Ganzheitlich.“ Im Online-Forum von natur & heilen werden die alternativmedizinischen Konzepte Ryke Geerd Hamers gepriesen. Hamer, der 1986 die Approbation als Arzt verlor, bezeichnet die Schulmedizin als „jüdisch“ und preist als völkische Alternative die von ihm erfundene „Germanische Neue Medizin“ (GNM) an. Dabei handelt es sich um lebensgefährlichen Unsinn, da Hamer etwa den Einsatz von Chemotherapien verwirft. 1995 verweigerten die Eltern eines sechsjährigen Kindes, das an einem bösartigen Tumor litt, die Behandlung durch Chemotherapie und operative Mittel. Erst nach Entzug des Sorgerechts konnte der Tumor entfernt werden, was dem Kind das Leben rettete. Der Vater des Kindes ist ein eifriger Anhänger der GNM. 2009/10 wiederholte sich das Szenario: Ein Elternpaar brach unter dem Einfluss Hamers die Krebstherapie seines zwölfjährigen Kindes ab. Es bildeten sich Metastasen; nach sechs Monaten starb das Kind. Hamer behauptete daraufhin zynisch, dem Kind sei ein Chip implantiert worden, der die tödliche Krebserkrankung simuliert habe, um es „punktgenau ausknipsen“ zu können. Seine Bücher veröffentlicht Hamer im rechtsradikalen Kopp Verlag, der sich auf antimuslimische und verschwörungstheoretische Literatur spezialisiert hat. Beim Web-Auftritt des Verlags, Kopp Online, ist wiederum Birgit Kelle mit einem Beitrag präsent, in dem sie die mangelnde Gebärfreudigkeit deutscher Frauen beklagt.


Doch das ist noch nicht alles an gemeingefährlichem Quatsch, den natur & heilen zu bieten hat. Zu den Autor_innen des Blatts zählt Ruediger Dahlke. Der Verfasser zahlreicher Psycho-Ratgeber ist der Auffassung, es sei möglich und sogar gesund, sich von Licht zu ernähren und auf sogenannte „grobstoffliche“ Nahrung zu verzichten. Ob er die UV-Diät selber praktiziert, konnte ich nicht herausfinden.


Die Frage für uns ist jetzt: Was tun? Wir haben uns entschieden, zuerst einmal das Gespräch mit der bisherigen Ärztin zu suchen, um herauszufinden, wie die Junge-Freiheit-Broschüre in ihre Praxis gelangt ist. Ist ja nicht so selten, dass irgendwo Flyer ausgelegt werden, ohne dass jemand sich genauer damit befasst, für wen oder was da geworben wird. Sollte die Ärztin (oder ihr Praxisteam) die Inhalte des Flyers in irgendeiner Weise verteidigen, wäre das für uns allerdings ein Grund, sofort nach einer anderen kinderärztlichen Praxis Ausschau zu halten – aus antifaschistischen und feministischen wie aus gesundheitlichen Gründen.


¹ Wer sie noch nicht kannte, kennt sie spätestens seit ihrem Auftritt bei Hart aber fair.

² Die Kehrseite des Problems ist die Expertokratie, die Entmündigung der Individuen durch Fachleute, wie Ivan Illich sie beschrieben hat. Dagegen hilft aber allenfalls, sich Mündigkeit neu zu erkämpfen. Ressentiments gegen Wissenschaft halte ich jedenfalls für kontraproduktiv.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s