Beirut, Paris

Es ist nicht so, dass mir nichts einfallen würde, was ich sagen könnte. Es ist eher so, dass ich nichts sagen will. Manchmal ist es so, dass die richtigen Worte sich rar machen und die falschen sich aufdrängen. Enno Park hat recht:

Beobachte ich Twitter, Facebook, Kommentarspalten, sehe ich sie vor mir: Gemütlich im Sessel vor dem Fernseher, eine Bierdose in der Hand oder mit dem Laptop im Café und dem Latte Macchiato daneben, weit entfernt von jeder existenziellen Bedrohung. Menschen die mit allerhöchster Sicherheit nicht an Terroranschlägen oder im Krieg sterben werden sondern an Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen, dramatisieren ihre eigenen kleinen Komplexe und Neurosen, pulen in ihrem Bauchnabel und twittern genau das, was sie immer twittern, nur dieses mal mit einem ganz besonderen Anlass und wie so oft bar jeglicher Empathie. Es geht diesen Leuten, die da ihren Seelenmüll abkippen, nicht um Paris, nicht um Terror, sondern ausschließlich um sich selbst.

Ja. Wenn Markus Söder twittert, dass „das“ alles ändere, dann hat sich für ihn gar nichts geändert. Er sieht nur einen Anlass mehr, das zu sagen, was er auch schon vorher gesagt hat. Aber es gibt nicht nur die vorhersehbaren Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Es gibt auch den Hashtag #enmemoire, der nicht (wie so viele Phrasen mit Raute davor) das Immer-schon-gewusste-und-gesagte vervielfältigt, sondern Gedenken für die Toten von Paris ermöglicht.


Statt noch mehr zu sagen, möchte ich lieber eines Menschen namentlich gedenken: Adel Termos.

Der Broder und das Volk

Publikative.org über den „48. Abendspaziergang“ von Bärgida am 9. November:

[D]er Aufmarsch mit seinen 120 Teilnehmenden [zog] samt Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen an der Synagoge Rykestraße vorbei, welche 74 Jahre zuvor geplündert und geschändet worden war. Noch am Hauptbahnhof in Mitte hatte ein Redner die Bundesregierung als „Brunnenvergifter“ bezeichnet, auf dem Weg zur Synagoge wurde „Nationaler Sozialismus jetzt!“ skandiert.

Und die FAZ bringt einige Zitate aus Tatjana Festerlings Pegida-Rede am Montagabend:

Während im Hintergrund an der verdunkelten Semperoper der Satz „Wir gedenken der Opfer der Reichspogromnacht 1938“ leuchtete, forderte Festerling vorn auf dem Platz „Schluss mit der Nazi-Paranoia“ und erklärte unter großem Jubel „den Schuldkomplex aus zwölf Jahren Naziherrschaft offiziell für beendet“. An Regierung und Presse („Links versiffte Schundblätter“) gerichtet, sagte Festerling: „Lasst uns mit eurem Schuldkult für die Vergangenheit, für die keiner von uns hier die Verantwortung trägt, endlich in Ruhe.“

Richtig, das ist die Tatjana Festerling, die den Hamburger Landesverband der AfD mitgründete, später für HoGeSa die Werbetrommel rührte, Geert Wilders zu Pegida einlud und für PI-News schreibt – das islamfeindliche Blog, das sich selbst als „proisraelisch“ bezeichnet.


Die „christlich-jüdische Tradition“, der man sich in islamfeindlichen Kreisen eine Zeitlang gern rühmte, ist dann wohl wieder mal abgesagt. Außer vielleicht bei Henryk M. Broder, für den ist Pegida das „Volk, das stumm gegen seine Entmachtung demonstriert“, entmachtet von Politiker_innen, die sich „wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts“ benehmen und „ein Festival des Wahnsinns“ veranstalten, weil sie sich nur noch für Unwichtiges interessieren („der Euro, die Energiewende, das Klima“). So sprechend erhob Broder Ende letzten Jahres in der Welt den Zeigefinger, um es der Politik mal so richtig zu zeigen. Mittlerweile demonstriert das Volk nicht mehr stumm, sondern rottet sich zum Jahrestag der Reichspogromnacht vor einer Synagoge zusammen, um den Nationalen Sozialismus wieder herbeizubrüllen – wenn es nicht gerade damit beschäftigt ist, das Volk, missliebige Politikerinnen mit dem Bowiemesser niederzustechen, in der S-Bahn auf Kinder zu urinieren oder Geflüchtetenunterkünfte anzuzünden. Nicht mal eine Nulpe wie Broder hat ein solches Volk verdient.