Okzidentalismus

Nach einem Abendspaziergang trage ich Binti die Treppe hoch und sehe, wie die Burschis im Haus gegenüber mit Korbschlägern herumfuchteln. Überrascht bin ich Zeuge eines uralten, blutigen Brauchs, den auch die vor Jahrhunderten erfolgte Christianisierung Mecklenburgs nicht hat ausrotten können. Nur selten wird einem Außenstehenden ein solcher Anblick zuteil, der Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Konflikte weckt, als deren Auslöser man einen zweifelhaften Ehrbegriff annehmen muss – ein Ehrbegriff, der nicht so recht in unsere Zeit passen will, aber in vielen Teilen Deutschlands noch höchst lebendig ist.

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Links der Woche

Die Initiative #ausnahmlos finde ich unterstützenswert, möchte aber dennoch zwei eher kritische Repliken darauf verlinken:

  • Nadia Shehadeh von der Mädchenmannschaft fragt nach: „Ist ein feministisches Consulting und/oder Coaching unserer Institutionen sozialer Kontrolle ein Teil der Lösung, wenn genau diese Institutionen oft auch Teil des Problems sind? Können wir mit guter Hoffnung an Apparate appellieren, die seit Jahrhunderten zur Standswahrung von Privilegien und Abhängigkeiten funktionieren? Was lehrt uns die Ethnisierung sozialer Missstände und die Befeuerung von Entsolidarisierungstendenzen?“
  • Die Amadeu-Antonio-Stiftung weist darauf hin, dass unter den Erstunterzeichnerinnen von #ausnahmslos prominente BDS-Unterstützerinnen sind: „Insbesondere seit der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im südafrikanischen Durban im Jahr 2001 spielt der Antisemitismus in Teilen der weltweiten Antirassismus-Bewegung eine zunehmend große Rolle. Die an für sich sehr wichtige UN-Konferenz gegen Rassismus wandte sich fast alleinig gegen Israel. […] Bei der Konferenz kam es auch zu physischen Angriffe auf Jüdinnen und Juden, die teilweise verängstigt vorzeitig die Konferenz verließen.“ Die Stiftung fordert deshalb, die Verquickung von Antirassismus und Antisemitismus kritisch zu beleuchten – was die Antira-Bewegung am besten selbst tun sollte.

’68 und die Folgen

Immer dann, wenn irgendwer erzählt, seit die ’68er „die Macht“ im Land übernommen hätten, breiteten sich alle möglichen Übel – von Pädophilie über genderndes Gutmenschentum bis hin zum Multikulturalismus – ungehemmt aus, muss ich insgeheim lachen. Welche ’68er denn? Es folgt eine kleine Auswahl von ’68ern – was sie heute so treiben:

Götz Aly (Historiker)

  • Damals: Mitglied der Roten Zellen
  • Heute: Bescheinigt in seinem Buch Unser Kampf dem Parteigenossen Kiesinger, die NS-Vergangenheit bestens aufgearbeitet zu haben

Gerhard Amendt (Soziologe)

  • Damals: SDS-Mitglied, studierte bei Horkheimer und Adorno
  • Heute: Männerrechtler, bezeichnet Frauenhäuser als „Hort des Männerhasses“

Stefan Aust (Journalist)

  • Damals: konkret-Redakteur
  • Heute: Kämpft gegen Stromerzeugung durch Windkraft

Tilman Fichter (Politikwissenschaftler)

  • Damals: Mitglied des SDS
  • Heute: Klüngelt mit der Jungen Freiheit

Jörg Friedrich (Historiker)

  • Damals: Trotzkist
  • Heute: Geschichtsrevisionist, der mit seinem Dresden-Buch Der Brand die deutsche Seele streichelt

Rainer Langhans (Spinner)

  • Damals: Mitglied der Kommune 1
  • Heute: „Spiritualität in Deutschland heißt Hitler. Und erst wenn du da ein Stück weiter bist, kannst du jenseits davon kommen, bis dahin aber mußt du das Erbe übernehmen. […] Wir müssen dieses Erbe von unseren Eltern übernehmen, […] im Sinne einer Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde. Es bleibt uns keine Wahl, wir können uns noch so sehr dagegen sträuben.“

Horst Mahler (Nazi)

  • Damals: Mitglied des SDS, des Sozialistischen Anwaltskollektivs und der RAF
  • Heute: Holocaustleugner

Günter Maschke (Journalist)

  • Damals: Mitglied der DFU, der Subversiven Aktion, des SDS und der Kommune Wien
  • Heute: Himmelt Carl Schmitt an und findet Demokratie voll schlimm totalitär

Reinhold Oberlercher (Pädagoge)

  • Damals: Mitglied des SDS
  • Heute: Hat für seine Weltanschauung die Bezeichnung „Nationalmarxismus“ erfunden

Bernd Rabehl (Soziologe)

  • Damals: Mitglied der Subversiven Aktion und des SDS, Mitstreiter Dutschkes
  • Heute: Faselt überall, wo er nur kann, von der Notwendigkeit des Nationalismus und der Gefahr der Überfremdung

Klaus Rainer Röhl (Publizist)

  • Damals: konkret-Herausgeber, Mitglied der illegalen KPD
  • Heute: Findet den Begriff „Befreiung“ für den 8. Mai 1945 jetzt echt mal unangemessen

Otto Schily (Politiker)

  • Damals: RAF-Verteidiger, Mitgründer des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins
  • Heute: Fordert für seinen alten Kumpel Horst Mahler, dass Holocaustleugnung nicht mehr mit langjähriger Haft bestraft werden sollte

Gerd Schröder (Lobbyist)

  • Damals: Juso, Mitgründer des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins
  • Heute: Erst „Bild, BamS und Glotze“-Kanzler, dann Gazprom-Aktionärsvorsitzender und Putinversteher

Zugegeben, die Auswahl ist nicht ganz repräsentativ. Aber wäre ich ein sogenannter besorgter Bürger, ich würde nach dem Lesen dieser Liste auf den Tisch hauen, dass die Mettbrötchen einen Sprung machen, und ausrufen: „Die ’68er an die Macht!“

Links der Woche

Links der Woche

Justizminister Heiko Maas spricht von einem „Zivilisationsbruch“ (zur Erinnerung: das ist ein Begriff, den der israelische Historiker Dan Diner geprägt hat, um die Schoa zu zu beschreiben). Die FAZ wirft denjenigen, die darauf hinweisen, dass sexuelle Gewalt in Deutschland alltäglich ist (wie #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek), „Kölnrelativierung“ vor. Die ARD-Redakteurin Anna-Mareike Krause wird in einer Zwischenüberschrift sogar als „Mutter aller Kölnrelativierungen“ tituliert. Nett. Das hört sich an wie eine Kombination aus Holocaustrelativierung und „Mutter aller Schlachten“. Wizorek und Krause sind aus FAZ-Sicht irgendwas zwischen Horst Mahler und Saddam Hussein – schlimmer geht’s nimmer, soll das wohl heißen. Wo kämen wir auch hin, wenn die üblen Vorkommnisse von Silvester in eine Debatte über sexuelle Gewalt mündeten, statt (wie stets, wenn es um ein beliebiges gesellschaftliches Problem geht) in eine Debatte über Islam und Zuwanderung?

  • Regina Schleheck auf Facebook: „Ich erlebe nun seit drei Tagen die sich aufschaukelnde Hype um die Vorkommnisse am Kölner Hauptbahnhof. Ja, ich war mittendrin.“
  • Regina Schleheck erzählt im WDR-Interview von dem Shitstorm, den sie erlebte, nachdem sie ihre Erlebnisse auf Facebook geteilt hatte: „Das gehört auch an die Öffentlichkeit.“
  • Antje Schrupp auf fisch + fleisch: „Die Gewalt von Köln und was jetzt zu tun ist“
  • Elke Wittich von den Prinzessinnenreportern: „Silvester in Köln – einige Anmerkungen“.
  • Hilal Sezgin in der Zeit: „Ich bin es leid“.
  • Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF): Stellungnahme zu den Übergriffen in der Silvesternacht.
  • Isolde Charim in der Wiener Zeitung: „Die Hetzmeute von Köln“.
  • Ali Arbia auf seinem Blog: „Geständnisse eines arabisch und nordafrikanisch aussehenden Menschen“.
  • Renan Demirkan in der Rheinischen Post: „Meine Silvesternacht in Köln“.
  • Hilal Sezgin auf Facebook: „Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Süddeutschen …“
  • Khola Maryam Hübsch in der taz: „Legende vom triebhaften Orientalen“.
  • Waltraud Schwab in der taz: „30-60-370plus“.

Konsequenter

Nachdem ich gestern zum ersten Mal „Konsequenter“ von Revolte Springen gehört habe, musste ich feststellen, dass keine der Strophen meine linken Befindlichkeiten und mich so richtig trifft. Hört selbst:

Ich musste mir also meine eigene Strophe dazu dichten:

Ich steh über den Dingen
Ich weiß einfach Bescheid
Was ihr macht ist Reformismus
Das tut mir wirklich leid
Emanzipation = Kommunismus
Darunter geht es nicht
Im Falschen richtig leben
Ist voll der Hippie-Mist
Dein falsches Bewusstsein
Lässt so was gar nicht zu –
Ich bin viel konsequenter als du!