Ich nenne es antifaschistische Früherziehung

Ich laufe täglich mit Binti im Kinderwagen in der Rostocker Innenstadt herum. Heute morgen habe ich festgestellt, dass man auf den Bürgersteigen der Stadt neben Hundehaufen noch weiteren Unflat finden kann. Rings um das Herzogliche Palais, das heute als Universitätsgebäude dient, waren folgende Sprüche auf den Gehweg gestencilt:

  1. Frauenrecht ist Menschenrecht
  2. Schützt eure Frauen
  3. Nie wieder Schande von Köln

Daneben fand sich die hinlänglich bekannte rassistische Darstellung der schwarzen Hand, die einer weißen Frau zwischen die Beine greift.

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Warum diese drei Parolen? Ich glaube, sie enthalten den gesamten neurechten Politikstil in kondensierter Form. Spruch Nr. 1 klingt wie eine universalistische Forderung: Frauen sind Menschen, also kommen ihnen die allen Menschen eignenden Rechte zu. Dieser aufgesetzte Universalismus ist typisch für den Rechtspopulismus. Kaum eine rechtspopulistische Artikulation kommt ohne Bezugnahme auf Menschenrechte, Demokratie oder Liberalismus aus. Aber natürlich ist das nicht wirklich ernst gemeint. Nötig sind solche Bezugnahmen nur deshalb, weil rechtes Gedankengut sich mit ihnen besser verkaufen lässt. Wenn man öffentlich einen Satz wie „Ich lass meine Alte nicht mehr allein auf die Straße, weil draußen so viele Museln rumlaufen“ von sich gibt, kann man vielleicht auf Facebook punkten, aber man wird schwerlich in öffentlich-rechtliche Polittalks eingeladen. Spruch Nr. 2 macht klar, wie Nr. 1 zu verstehen ist: Die Parolen richten sich an (weiße, heterosexuelle, christliche, deutsche) Männer, die sich die Verfügungsgewalt über ‚ihre‘ Frauen nicht nehmen lassen wollen – am allerwenigsten natürlich von den Frauen selbst. Frauen müssen deshalb unter männlichem Schutz stehen.¹ „Frauenrecht ist Menschenrecht“ sollte also keineswegs als universalistische Forderung gelesen werden, sondern bedeutet soviel wie „Frauen sind Männerrecht“. Warum es so wichtig ist, dass Frauen von Männern überwacht werden, offenbart Spruch Nr. 3: Die nationale Ehre hängt daran, dass die Männer sich auch wirklich als Herren im deutschen Haus fühlen können. Die Übergriffe, die in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten stattfanden, sind aus rechtspopulistischer Sicht keine Gewalt an Frauen, sondern Gewalt am deutschen Mann, der sich zum Gespött gemacht sieht, weil seine Eigentumsrechte verletzt wurden.


Das eigentlich Frappierende daran ist, dass die drei Sprüche eine Weltanschauung verraten, die zu 100 % dem orientalistischen Blick auf den Islam entspricht. Der Islam ist aus dieser Sicht sowohl ein monolithisches Weltbild als auch die Gesamtheit der muslimischen Männer, deren Handeln sich ausnahmslos aus dem islamischen Weltbild erklärt. Weil das monolithische Weltbild keine anderen Handlungsoptionen offen lässt, müssen muslimische Männer sich (zwangsläufig, wie sogenannte Islam-Expert_innen immer wieder versichern) von allem in ihrer Ehre verletzt fühlen, was dem islamischen Weltbild widerspricht. Der dauerbeleidigte, rachsüchtige und und ewig um die Reinheit seiner Gattinnen, Schwestern und Töchter besorgte muslimische Patriarch ist deshalb ein so beliebtes Phantasma, weil es uns versichert, dass wir alteingesessenen Okzidentalen ja so viel gelassener sind. Da aber die rechtspopulistischen Männlein, die die Rostocker Gehwege verunstaltet haben, auch irgendwie ein Produkt unserer Gesellschaft sein müssen, drängt sich dann doch die Frage auf: Projection, much?


Mit Baby im Kinderwagen nimmt man die Stadt auf besondere Weise wahr. Man dreht bedächtige Kreise, betritt hier kurz einen Laden, bestellt dort einen Kaffee und geht selten geradeaus. Im Zickzack hat man es nicht nur weniger eilig, man kann auch besser die Ecken mit Kopfsteinpflaster abpassen, die den Kinderwagen schaukeln und dem kleinen Fahrgast ein wohliges Brummen entlocken. Es ist nicht eigentlich Fortbewegung, denn man bewegt sich nicht auf ein Ziel hin, sondern übt sich in der Kunst, möglichst langsam wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Man langweilt sich und ist dann doch überrascht, dass schon wieder eine Stunde vergangen ist. So entdeckt man Muster, die unter anderen Umständen vielleicht gar nicht auffallen würden. Zum Beispiel, dass just an der Ecke Schwaansche Straße/Universitätsplatz, wo letzte Nacht die hetzerischen Stencils angebracht wurden, immer mal wieder mit Aufklebern für die Identitäre Bewegung geworben wurde. Könnte es sein, dass es im neurechten Milieu der Stadt eine gewisse Einfallslosigkeit der Ortswahl gibt? Die Runden, die Binti und ich allmorgendlich drehen, eignen sich jedenfalls hervorragend dazu, solche Unschönheiten fein säuberlich von den Laternenmasten abzuknibbeln und dem Mülleimer zu überantworten.


¹ Das Wort ‚Schutz‘ ist dabei etwa so wie in Schutzgeld oder Schutzgebiet zu verstehen.

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