Der Broder und das Volk

Publikative.org über den „48. Abendspaziergang“ von Bärgida am 9. November:

[D]er Aufmarsch mit seinen 120 Teilnehmenden [zog] samt Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen an der Synagoge Rykestraße vorbei, welche 74 Jahre zuvor geplündert und geschändet worden war. Noch am Hauptbahnhof in Mitte hatte ein Redner die Bundesregierung als „Brunnenvergifter“ bezeichnet, auf dem Weg zur Synagoge wurde „Nationaler Sozialismus jetzt!“ skandiert.

Und die FAZ bringt einige Zitate aus Tatjana Festerlings Pegida-Rede am Montagabend:

Während im Hintergrund an der verdunkelten Semperoper der Satz „Wir gedenken der Opfer der Reichspogromnacht 1938“ leuchtete, forderte Festerling vorn auf dem Platz „Schluss mit der Nazi-Paranoia“ und erklärte unter großem Jubel „den Schuldkomplex aus zwölf Jahren Naziherrschaft offiziell für beendet“. An Regierung und Presse („Links versiffte Schundblätter“) gerichtet, sagte Festerling: „Lasst uns mit eurem Schuldkult für die Vergangenheit, für die keiner von uns hier die Verantwortung trägt, endlich in Ruhe.“

Richtig, das ist die Tatjana Festerling, die den Hamburger Landesverband der AfD mitgründete, später für HoGeSa die Werbetrommel rührte, Geert Wilders zu Pegida einlud und für PI-News schreibt – das islamfeindliche Blog, das sich selbst als „proisraelisch“ bezeichnet.


Die „christlich-jüdische Tradition“, der man sich in islamfeindlichen Kreisen eine Zeitlang gern rühmte, ist dann wohl wieder mal abgesagt. Außer vielleicht bei Henryk M. Broder, für den ist Pegida das „Volk, das stumm gegen seine Entmachtung demonstriert“, entmachtet von Politiker_innen, die sich „wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts“ benehmen und „ein Festival des Wahnsinns“ veranstalten, weil sie sich nur noch für Unwichtiges interessieren („der Euro, die Energiewende, das Klima“). So sprechend erhob Broder Ende letzten Jahres in der Welt den Zeigefinger, um es der Politik mal so richtig zu zeigen. Mittlerweile demonstriert das Volk nicht mehr stumm, sondern rottet sich zum Jahrestag der Reichspogromnacht vor einer Synagoge zusammen, um den Nationalen Sozialismus wieder herbeizubrüllen – wenn es nicht gerade damit beschäftigt ist, das Volk, missliebige Politikerinnen mit dem Bowiemesser niederzustechen, in der S-Bahn auf Kinder zu urinieren oder Geflüchtetenunterkünfte anzuzünden. Nicht mal eine Nulpe wie Broder hat ein solches Volk verdient.

Clock Truthers – Die Geburt einer Bewegung

Vor knapp zwei Wochen verhaftete die Polizei von Irving, Texas den vierzehnjährigen Ahmed Mohamed, weil er eine eigenhändig gebastelte Digitaluhr zur Schule gebracht hatte, die er seinen Lehrer_innen zeigen wollte. Ihm wurde vorgeworfen, er habe eine Bombenattrappe gebaut, um damit eine Massenpanik auszulösen. Ahmed wurde anderthalb Stunden lang von vier oder fünf Polizist_innen verhört. Den Berichten zufolge beteuerte Ahmed während des Verhörs, er habe lediglich eine Uhr gebaut. Die Polizei befragte ihn weiter, weil er sich „passiv-aggressiv“ verhalten habe. Anschließend wurden Ahmed Handschellen angelegt und er wurde in eine Arrestzelle für Jugendliche gebracht. Schließlich wurde er freigelassen. Die Schule suspendierte ihn für drei Tage. Ahmed gibt an, er habe während des Verhörs darum gebeten, seinen Vater anzurufen, was ihm verweigert worden sei.


So weit, so schlecht. Anscheinend gibt es in Texas ein Gesetz, dass es unter Strafe stellt, mit bombenähnlichen Gegenständen die Öffentlichkeit zu erschrecken. Deshalb, betont die Polizei von Irving, habe sie der Sache nachgehen müssen. Das Bemerkenswerte ist nur: Allem Anschein nach war niemand erschrocken. Niemand, weder Lehrer_innen noch die Polizei, hielt die Uhr wirklich für eine Bombe. Die Schule wurde nicht evakuiert, der Unterricht nicht unterbrochen. Trotzdem beteuern alle Verantwortlichen, sie hätten etwas unternehmen müssen, da die Uhr wie eine Bombe ausgesehen habe. An diesem Punkt zeigt sich die ganze Absurdität des Vorgangs, denn vernünftigerweise kann es in einem Fall wie diesem nur zwei Sichtweisen geben: Entweder ein Gegenstand sieht wirklich wie eine Bombe aus und ist deshalb erschreckend. Oder ein Gegenstand sieht nicht wirklich wie eine Bombe aus und man braucht keine Angst davor zu haben. Wenn aber jemand ankommt und behauptet, ein Gegenstand sehe wie eine falsche Bombe aus und sei deshalb besorgniserregend, dann ist das schlicht Blödsinn.


Aber je blödsinniger Blödsinn ist, desto leichter lässt sich daraus eine Verschwörungstheorie stricken. Schon kurz nachdem die Presse über Ahmeds Verhaftung berichtete, kursierten verschiedene Gerüchte in den sozialen Netzwerken: Das Display der Uhr habe gar nicht die Zeit angezeigt, sondern einen Countdown. Ahmeds Vater habe die Polizei aufgefordert, seinem Sohn Handschellen anzulegen, um den Medien skandalträchtige Bilder zu liefern. Das rechte Newsportal Breitbart hat inzwischen rund 30 Artikel über Ahmed Mohamed veröffentlicht, die mit immer neuen ‚Enthüllungen‘ aufwarten, die angeblich belegen, dass der Vierzehnjährige von Anfang an vorgehabt habe, die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zu lenken. Zahllose YouTube-Videos und Blogbeiträge widmen sich mit wahnhafter Detailfreude der Aufgabe, Marke und Baujahr sämtlicher Einzelteile der Uhr zu identifizieren. Warum? Ahmed hat die Uhr als seine Erfindung bezeichnet. Aber wenn die Uhr doch aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wurde, so die Verschwörungsfans, dann ist sie genau gesprochen keine Erfindung Ahmeds. Ha, erwischt! Betrug! Taqiyya! Richard Dawkins, der immer zur Stelle ist, wenn es bigotte oder besserwisserische Bemerkungen zu machen gibt, verkündete auf Twitter:

Dawkins IDawkins II

Fun Fact: Als ich vierzehn war, habe ich mein verwaschenes Hemd schief zusammengeknöpft und trug eine Kette aus Rasierklingen und Dosendeckeln um den Hals. Ich glaubte, damit ein besonders punkiges Outfit erfunden zu haben. Wie gut, dass es Twitter damals noch nicht gab. Sonst hätte Dawkins mich sicherlich auch des Betrugs bezichtigt, denn vermutlich hat schon der_die eine oder andere Vierzehnjährige, die_der The Clash und Iggy Pop verehrt, ähnliche Style-Ideen gehabt.

Dawkins III


Ahmeds Vater, Mohamed Elhassan Mohamed, ist aus dem Sudan in die USA migriert. Er ist Taxiunternehmer und Oberhaupt einer kleinen Sufi-Gemeinschaft. Öffentlichkeitsscheu ist er anscheinend nicht. Er engagiert sich im Sudan in einer Partei und kündigte bereits zweimal an, sich in seinem Geburtsland um die Präsidentschaft bewerben zu wollen – ob er tatsächlich zu Wahlen angetreten ist, ist unklar. In den USA erlangte er eine gewisse Bekanntheit, als er sich 2011 auf ein öffentliches Streitgespräch mit dem islamophoben Pastor Terry Jones einließ, das damit endete, dass Jones einen Koran verbrennen ließ. Für den konservativen Kolumnisten Mark Steyn reichte das aus, Mohamed als “belligerent Muslim activist” zu bezeichnen. Irvings Bürgermeisterin, Beth Van Duyne, gießt derweil Öl in die Flammen. In einem Interview mit Glenn Beck widersprach sie nicht, als Beck orakelte, „die Islamisten“ hätten es auf die texanische Stadt abgesehen. Ahmeds Bombenattrappe sei als Warnsignal zu verstehen. Beck weiter:

[They] weaken and weaken and then it becomes violent […] Any doubt this is the final throes of weakening us to the point where we don’t ask any questions, to ready for the final confrontation?

Van Duyne ist kein unbeschriebenes Blatt. Islamophoben Kreisen gilt sie als heroische Kämpferin gegen die Islamisierung der USA: Die islamische Community von Irving unterhielt ein Schiedsgericht, wie es viele Religionsgemeinschaften in den USA tun. Es bietet die Möglichkeit, Streitfälle gegen Zahlung einer Gebühr außergerichtlich schlichten zu lassen. Van Duyne behauptete, die islamische Community wolle durch das Instrument der Schiedsgerichtbarkeit heimlich „die Scharia“ in den USA einführen, und präsentierte umgehend einen Gesetzesentwurf, um das finstere Treiben der Muslime von Irving zu unterbinden. Jetzt munkelt die Bürgermeisterin, hinter Ahmeds Verhaftung stecke mehr, als der Öffentlichkeit bewusst sei. Das gehe aus den Akten der Schule und der Polizei hervor. Diese sind bislang nicht veröffentlicht worden, weil Ahmed minderjährig ist und eine Veröffentlichung nur mit Einverständnis seiner Familie erfolgen kann. Was wirklich in den Akten steht, weiß also so gut wie niemand. Es ist ein klassisches Argumentum ad ignorantiam: Weil nicht alle Fakten bekannt sind, muss irgendein sensationelles Geheimnis dahinterstehen. Nichtwissen wird als Wissen ausgegeben.


Das Schlusswort überlasse ich ich Danish Ali:

Outstanding

“The Irving Police Department has always experienced an outstanding relationship with our muslim community.” — Yeah. It seems that for them, muslim citizens really stand out among the general population. Which makes them really, you know, suspicious. #IStandWithAhmed