Bin Tragen

Anekdote des Tages: In der Stadtbibliothek ein Buch über Osama bin Laden in der Abteilung, ja tatsächlich, „Persönlichkeiten und ihr Werk“ gefunden. Historischer Kontext: Mit einem Säugling bzw. Tragling, der darauf besteht, ausschließlich beim Saugen bzw. beim Tragen zu schlafen, hängt man als nichtstillendes Elternteil seeehr viel in der Stadtbibliothek rum.

Gegenderte Fertilität

Einer der gruseligen Aspekte des Kinderhabens ist, wie man plötzlich zum Objekt bevölkerungspolitischer Begierden wird: Da kommt in der Straßenbahn eine fremde Person auf uns zu, tätschelt Nori ungefragt am Kopf und fragt drängelnd nach ihrer Geschlechtskategorie. Und warum? „Sie können stolz auf sich sein, dass Sie ein Mädchen haben. Es werden ja so wenig Mädchen geboren.“

Kopfnickerin

Gestern vormittag hat das Kind zum ersten Mal auf dem Bauch gelegen und dabei erhobenen Hauptes gegrinst und sich mit mir unterhalten, statt mit vor Anstrengung wackelndem Kopf zu knurren und zu ächzen. Das musste ich gleich rumerzählen, als wir danach auf die Kundgebung gegen den AfD-Aufmarsch am Rostocker Hauptbahnhof gegangen sind.

Postpatriarchen im Geburtsvorbereitungskurs

Seit der Geburt meiner Tochter vor zwei Monaten beschäftigt mich das Bild von Mannsein/Männlichkeit, das in der Geburtsvorbereitung und -hilfe konstruiert wird.


Es fing an in der gynäkologischen Praxis: Männer, so hieß es, können es nicht ertragen, wenn ihre Frauen vaginal untersucht werden, bzw. wenn ein Ultraschallkopf vaginal eingeführt wird. Das sei der Grund dafür, warum werdende Väter während der Ultraschalluntersuchung am Kopfende der Liege stehen sollten. Wozu diese Erklärung? Es ist offensichtlich, dass man sich ans Kopfende stellen muss, wenn man den Monitor mit dem Ultraschallbild sehen möchte. Weiter ging es im Geburtsvorbereitungskurs: Männer wollen anscheind nichts von der Plazenta wissen und sie im Kreißsaal am liebsten gar nicht zu Gesicht bekommen. Ebenfalls ein für Männer unerträglicher Gedanke ist anscheinend, dass die meisten auf natürlichem Weg geborenen Kinder während des Austritts aus dem Geburtskanal Richtung Hintern der Mutter gucken. Das (und vieles weitere) wurde in der gynäkologischen wie in der Hebammenpraxis mit größtem Ernst vertreten, meist verbunden mit unheilvollen Andeutungen, dass einigen anwesenden Männern vielleicht schlecht würde, wenn das entsprechende Thema zu explizit zur Sprache käme. Ich muss sagen, dass ich mir ziemlich den Kopf zerbrochen habe, wozu dieses ständige Nichtwissenwollen der Männer beschworen wurde. Klar, es ist üblich, im Alltag noch die banalsten Distinktionen in den Vorlieben von Individuen auf die Geschlechterdifferenz zurückzuführen. Das erklärt aber m.E. nicht, warum in diesem Fall ein Männern unerträglicher Ekel vor bestimmten körperlichen Vorgängen und geburtshilflichen Maßnahmen behauptet wurde.


Mir kam der Gedanke, dass es sich vielleicht um eine verklausulierte Erziehungsmaßnahme handeln könnte: Es wird angenommen, werdende Väter interessierten sich für die falschen Dinge, indem sie etwa fasziniert die Plazenta betrachten, statt sich auf Partnerin und Neugeborenes zu konzentrieren. Entsprechende Hinweise auf die fehlgeleitete Aufmerksamkeit von Vätern gab es im Geburtsvorbereitungskurs einige, und ich kann mir gut vorstellen, dass sie berechtigt sind. Ganz allgemein gilt natürlich auch: Es gibt Menschen, die (völlig unabhängig von ihrer Geschlechtskategorie) den Anblick größerer Mengen Blut nur schwer ertragen können. Da kann ein dezenter Hinweis schon angebracht sein, es könnte gut sein, Absprachen mit der Partnerin (oder dem Partner, im Falle gebärender Männer) zu treffen und in heiklen Momenten den Kreißsaal kurz zu verlassen. Nur waren die Hinweise, die ich beschrieben habe, alles andere als dezent.


Die Botschaft, die da an Männer ausgesendet wird, ist: Seht nicht so genau hin. Das hier ist nichts für euch. Man könnte das für ein Überbleibsel der patriarchalen Vorstellung halten, dass Geburt und alles, was damit zu tun hat, Frauensache ist. Männer hätten weder während der Geburt noch am Wochenbett anwesend zu sein. Das geht aber an den heutigen Verhältnissen vorbei, denn die Anwesenheit des Vaters während der Geburt ist ja ausdrücklich erwünscht. Das Patriarchat zeichnet sich gerade nicht dadurch aus, dass es Männern schrankenlosen Zutritt zu Frauenräumen gestattet. Im Gegenteil, es ist von einer weitreichenden Trennung der alltäglichen Lebensbereiche von Frauen und Männern gekennzeichnet. Die männliche Macht besteht im Patriarchat eher darin, über Leben und Tod von Frauen entscheiden zu können. Mit dem Recht des patriarchalen Mannes, seine Frau jederzeit schwängern zu können, war dieses Recht gewährleistet, solange Schwangerschaft mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden war: Jede weitere Schwangerschaft konnte den Tod bedeuten. Die moderne Medizin hat dieses Risiko minimiert. Über das gesundheitliche Befinden von Schwangeren, Gebärenden und Wöchner_innen entscheidet heute nicht mehr der patriarchale Mann, sondern das Geburtshilfe-Team. Das erklärt für mich am besten die an werdende Väter gerichteten Warnungen vor angeblich Unerträglichem im Geburtsvorgang: Im Kreißsaal des Krankenhauses sieht der diminuierte Postpatriarch seiner eigenen Entrechtung zu.


Das klassische Patriarchat mit seiner auf Komplementarität beruhenden Geschlechterordnung ist erodiert. Die strikte soziale Trennung in weibliche und männliche Sphären, die die Individuen mit ihren sozialen Rollen identisch setzte, stand der doppelten Vergesellschaftung von Frauen im Weg. Von der patriarchalen Komplementarität der Geschlechter ist nicht viel mehr übrig geblieben als die bloße Binarität der Geschlechter, die meist biologistisch begründet wird. Hier hat die Unsicherheit und Verrohung von Männern, wie sie sich anhand von Phänomenen wie PUA und PUA-Hass, Maskulinismus und Männerrechtsbewegung beobachten lassen, ihren Ursprung: Männliche Herrschaft, die sich nur noch legitimieren lässt durch evolutionspsychologisch begründete Verweise (z.B. dass Männer angeblich besser einparken können), steht auf wackligen Füßen. Dabei werden Männer im Spätkapitalismus noch immer bevorzugt. Die im Berufsleben weithin akzeptierte Trennung von Individuum und sozialer Rolle (kein Mensch geht ganz in seinem Beruf auf), ist im Falle der doppelten Vergesellschaftung von Frauen nur zur Hälfte realisiert. Was im Berufsleben gilt, wird im Reproduktionsbereich immer noch verweigert: In ihrer Rolle als Hausfrauen und Mütter sollen Frauen ganz aufgehen. Dies strahlt auch auf die Vergesellschaftung von Frauen in der Produktion aus. Die Diskriminierung von Frauen im Beruf (niedrigere Löhne, gläsernde Decke etc.) wird, sofern sie einmal explizit zur Sprache kommt, mit dem Schwangerwerdenkönnen gerechtfertigt. Der im Reproduktionsbereich ungebrochen herrschende Rollenzwang setzt berufstätige Frauen permanent dem Verdacht aus, für das Berufsleben weniger geeignet zu sein als Männer. Warum sollten für sie also gleiche Bedingungen gelten?


Es ist also nach wie vor so, dass Männer erheblich mehr Freiheiten genießen als Frauen. Umso erstaunlicher finde ich die anhaltende Problematisierung von Männlichkeit im Kontext Schwangerschaft und Geburt. Immerhin können Männer sicher sein, dass sie zwar die Zumutungen der Lohnarbeit zu ertragen haben, aber weitgehend sicher davor sind, in die totale Rollenidentifikation des Reproduktionsbereichs gezwungen zu werden. Männer können sich aussuchen, wie viel Zeit sie für Vatersein (und Hausarbeit) aufbringen wollen. Frauen können das in Bezug auf Muttersein nicht. Trotzdem ist der Verlust des alten Patriarchenrechts an den anonymen Apparat Medizin anscheinend Verunsicherung genug, um für allerhand bedenkliche Entwicklungen zu sorgen. So vertritt die Männerrechtsbewegung ganz offen die Vorstellung, nur solche Frauen seien marriageable (das ist der in solchen Kreisen übliche Terminus), die jederzeit bereit sind, sich von ihrem Ehemann schwängern zu lassen. Schon die Vorstellung, dass Frauen selbst entscheiden, ob sie Hausfrauendasein und Mutterschaft mit allen dazugehörigen Zwängen auf sich nehmen wollen, gilt den Maskus als unerträglich.


Auf der einen Seite tobt sich also der verrohte Überrest der patriarchalen Ideologie aus, auf der anderen Seite wartet die Unterordnung unter den technokratischen (heißt: verwertungsorientierten) Gesundheitsbetrieb. Damit lässt sich das eingangs geschilderte Bild von Männlichkeit als Vermittlungsversuch zwischen beiden Seiten interpretieren. Als solches wirkt es allerdings reichlich inadäquat. Eine emanzipatorische Position kommt ohnehin nicht umhin, beide Seiten zu kritisieren, das Patriarchat wie die Technokratie.

Nahrhaftes Gender, tödliche Esoterik

Ein relativ nützlicher Rat an frischgebackene Eltern ist: Was du vor der Geburt erledigen kannst, erledige vorher. Behördenmistanträge schon mal ausfüllen, Kitas angucken etc. Man schafft sowieso nicht alles, besonders wichtig aber: Schon mal Kinderärzt_innen kontaktieren. Andererseits läuft man Gefahr, eine Woche nach der Geburt hektisch alle möglichen Praxen anzurufen, um rauszufinden, ob sie neue Patient_innen aufnehmen. Also waren wir tatkräftige und kompetente werdende Eltern und haben einer Kinderärztin, die uns sogar empfohlen wurde („nicht zu umständlich, aber auch nicht zu kurz angebunden“) den errechneten Geburtstermin mitgeteilt und angekündigt, dass wir ein, zwei Wochen nach der Entbindung mit dem kleinen Menschen vorbeikommen würden.


Und so haben wir es gemacht. Ich war ganz hochgemut, denn – nachdem wir von diversen Hebammen-Websites nur so bombardiert worden sind mit Homöopathie und sogenannter Impfkritik – freute ich mich darauf, dass uns von nun an eine Person mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, die mit dem Unterschied zwischen Hokuspokus und Medizin vertraut ist. Während es nach drei Besuchen in der Praxis zu früh sein mag, sich ein Urteil über unsere Kinderärztin als Ärztin zu bilden, bin ich mittlerweile in anderer Hinsicht ziemlich ernüchtert. Beim dritten Besuch fiel mir nämlich eine Broschüre ins Auge, die ziemlich prominent auf dem Empfangstresen der Praxis auslag. Das Faltblättchen trägt den Titel „Gender mich nicht!“, will über Gender Mainstreaming informieren und wird von der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit herausgegeben. Unter Gender Mainstreaming versteht man darin den Versuch, die von „lesbischen Feministinnen“ entworfene Gender-Theorie zu gebrauchen, um „die Ehe zwischen Mann und Frau“ in Frage zu stellen und jede Menge Geld zu schaufeln: „Eine ganze Gender-Industrie ernährt sich inzwischen von staatlichen Geldern und Zuschüssen, Projekten und Gremien.“ Ich Uneingeweihter glaubte bislang ja, mit Gender Mainstreaming sei einfach die Aufhebung von geschlechtlicher Diskriminierung in Institutionen gemeint. Das sagt sogar der Duden: Gender Mainstreaming ist die „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“. Dank Junger Freiheit weiß ich es jetzt besser und spiele mit dem Gedanken, mich in der Gender-Industrie zu bewerben, um mich durch sie von staatlichen Geldern nähren zu lassen. Ähem.


Die Junge Freiheit sieht sich als Debattenblatt der intellektuellen Rechten. Allerdings finde ich – und das ist gar nicht polemisch gemeint – ihr Niveau erschütternd niedrig, und teilweise merkt man den Artikeln an, dass es schlicht und einfach an journalistischem Handwerkszeug fehlt. Die „Gender-Ideologie“, für die es „keinen wissenschaftlichen Beweis“ gibt, wird die Junge Freiheit nicht müde zu bekämpfen. Mit Vorliebe bezieht sie sich dabei auf die antifeministische Publizistin Birgit Kelle,¹ die die akademischen Gender Studies mit Argumenten wie dem folgenden ablehnt: „Die Mehrheit der Menschen versteht das Gender-Konzept nicht und sieht keinen Bezug zum eigenen Leben.“ Nun liegt es in der Natur einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, dass es nicht nur zu jedem wissenschaftlichen Fach, sondern auch zu fast jeder beruflichen Kompetenz eine Mehrheit von Menschen gibt, die nichts davon versteht und keinen Bezug zum eigenen Leben sieht. Das heißt, es wäre zutiefst irrational, diese jeweiligen Mehrheiten das entscheidende Urteil über den betreffenden Gegenstand fällen zu lassen.² Kelles Aussage verrät ein tiefes Unbehagen über die komplexe Natur gesellschaftlicher Arbeitsteilung. In ihr verbirgt sich der Wunsch nach Rückkehr zu übersichtlicheren, geordneten und vor allem: autoritären Verhältnissen. In der Esoterik und der Alternativmedizin wird dieser Wunsch gewöhnlich unter dem Stichwort Ganzheitlichkeit bzw. Holismus verhandelt.


Interessanterweise finden sich in der Jungen Freiheit sowohl Beiträge, die alternative Therapien wie Homöopathie ablehnen, als auch solche, die sich als offensive Werbung für Alternativmedizin verstehen lassen. 2010 erschien in der Jungen Freiheit eine Eulogie auf das Magazin natur & heilen, laut Untertitel eine Monatszeitschrift für gesundes Leben. Der Slogan des Magazins lautet „Gesund. Leben. Ganzheitlich.“ Im Online-Forum von natur & heilen werden die alternativmedizinischen Konzepte Ryke Geerd Hamers gepriesen. Hamer, der 1986 die Approbation als Arzt verlor, bezeichnet die Schulmedizin als „jüdisch“ und preist als völkische Alternative die von ihm erfundene „Germanische Neue Medizin“ (GNM) an. Dabei handelt es sich um lebensgefährlichen Unsinn, da Hamer etwa den Einsatz von Chemotherapien verwirft. 1995 verweigerten die Eltern eines sechsjährigen Kindes, das an einem bösartigen Tumor litt, die Behandlung durch Chemotherapie und operative Mittel. Erst nach Entzug des Sorgerechts konnte der Tumor entfernt werden, was dem Kind das Leben rettete. Der Vater des Kindes ist ein eifriger Anhänger der GNM. 2009/10 wiederholte sich das Szenario: Ein Elternpaar brach unter dem Einfluss Hamers die Krebstherapie seines zwölfjährigen Kindes ab. Es bildeten sich Metastasen; nach sechs Monaten starb das Kind. Hamer behauptete daraufhin zynisch, dem Kind sei ein Chip implantiert worden, der die tödliche Krebserkrankung simuliert habe, um es „punktgenau ausknipsen“ zu können. Seine Bücher veröffentlicht Hamer im rechtsradikalen Kopp Verlag, der sich auf antimuslimische und verschwörungstheoretische Literatur spezialisiert hat. Beim Web-Auftritt des Verlags, Kopp Online, ist wiederum Birgit Kelle mit einem Beitrag präsent, in dem sie die mangelnde Gebärfreudigkeit deutscher Frauen beklagt.


Doch das ist noch nicht alles an gemeingefährlichem Quatsch, den natur & heilen zu bieten hat. Zu den Autor_innen des Blatts zählt Ruediger Dahlke. Der Verfasser zahlreicher Psycho-Ratgeber ist der Auffassung, es sei möglich und sogar gesund, sich von Licht zu ernähren und auf sogenannte „grobstoffliche“ Nahrung zu verzichten. Ob er die UV-Diät selber praktiziert, konnte ich nicht herausfinden.


Die Frage für uns ist jetzt: Was tun? Wir haben uns entschieden, zuerst einmal das Gespräch mit der bisherigen Ärztin zu suchen, um herauszufinden, wie die Junge-Freiheit-Broschüre in ihre Praxis gelangt ist. Ist ja nicht so selten, dass irgendwo Flyer ausgelegt werden, ohne dass jemand sich genauer damit befasst, für wen oder was da geworben wird. Sollte die Ärztin (oder ihr Praxisteam) die Inhalte des Flyers in irgendeiner Weise verteidigen, wäre das für uns allerdings ein Grund, sofort nach einer anderen kinderärztlichen Praxis Ausschau zu halten – aus antifaschistischen und feministischen wie aus gesundheitlichen Gründen.


¹ Wer sie noch nicht kannte, kennt sie spätestens seit ihrem Auftritt bei Hart aber fair.

² Die Kehrseite des Problems ist die Expertokratie, die Entmündigung der Individuen durch Fachleute, wie Ivan Illich sie beschrieben hat. Dagegen hilft aber allenfalls, sich Mündigkeit neu zu erkämpfen. Ressentiments gegen Wissenschaft halte ich jedenfalls für kontraproduktiv.