Ich nenne es antifaschistische Früherziehung

Ich laufe täglich mit Binti im Kinderwagen in der Rostocker Innenstadt herum. Heute morgen habe ich festgestellt, dass man auf den Bürgersteigen der Stadt neben Hundehaufen noch weiteren Unflat finden kann. Rings um das Herzogliche Palais, das heute als Universitätsgebäude dient, waren folgende Sprüche auf den Gehweg gestencilt:

  1. Frauenrecht ist Menschenrecht
  2. Schützt eure Frauen
  3. Nie wieder Schande von Köln

Daneben fand sich die hinlänglich bekannte rassistische Darstellung der schwarzen Hand, die einer weißen Frau zwischen die Beine greift.

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Warum diese drei Parolen? Ich glaube, sie enthalten den gesamten neurechten Politikstil in kondensierter Form. Spruch Nr. 1 klingt wie eine universalistische Forderung: Frauen sind Menschen, also kommen ihnen die allen Menschen eignenden Rechte zu. Dieser aufgesetzte Universalismus ist typisch für den Rechtspopulismus. Kaum eine rechtspopulistische Artikulation kommt ohne Bezugnahme auf Menschenrechte, Demokratie oder Liberalismus aus. Aber natürlich ist das nicht wirklich ernst gemeint. Nötig sind solche Bezugnahmen nur deshalb, weil rechtes Gedankengut sich mit ihnen besser verkaufen lässt. Wenn man öffentlich einen Satz wie „Ich lass meine Alte nicht mehr allein auf die Straße, weil draußen so viele Museln rumlaufen“ von sich gibt, kann man vielleicht auf Facebook punkten, aber man wird schwerlich in öffentlich-rechtliche Polittalks eingeladen. Spruch Nr. 2 macht klar, wie Nr. 1 zu verstehen ist: Die Parolen richten sich an (weiße, heterosexuelle, christliche, deutsche) Männer, die sich die Verfügungsgewalt über ‚ihre‘ Frauen nicht nehmen lassen wollen – am allerwenigsten natürlich von den Frauen selbst. Frauen müssen deshalb unter männlichem Schutz stehen.¹ „Frauenrecht ist Menschenrecht“ sollte also keineswegs als universalistische Forderung gelesen werden, sondern bedeutet soviel wie „Frauen sind Männerrecht“. Warum es so wichtig ist, dass Frauen von Männern überwacht werden, offenbart Spruch Nr. 3: Die nationale Ehre hängt daran, dass die Männer sich auch wirklich als Herren im deutschen Haus fühlen können. Die Übergriffe, die in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten stattfanden, sind aus rechtspopulistischer Sicht keine Gewalt an Frauen, sondern Gewalt am deutschen Mann, der sich zum Gespött gemacht sieht, weil seine Eigentumsrechte verletzt wurden.


Das eigentlich Frappierende daran ist, dass die drei Sprüche eine Weltanschauung verraten, die zu 100 % dem orientalistischen Blick auf den Islam entspricht. Der Islam ist aus dieser Sicht sowohl ein monolithisches Weltbild als auch die Gesamtheit der muslimischen Männer, deren Handeln sich ausnahmslos aus dem islamischen Weltbild erklärt. Weil das monolithische Weltbild keine anderen Handlungsoptionen offen lässt, müssen muslimische Männer sich (zwangsläufig, wie sogenannte Islam-Expert_innen immer wieder versichern) von allem in ihrer Ehre verletzt fühlen, was dem islamischen Weltbild widerspricht. Der dauerbeleidigte, rachsüchtige und und ewig um die Reinheit seiner Gattinnen, Schwestern und Töchter besorgte muslimische Patriarch ist deshalb ein so beliebtes Phantasma, weil es uns versichert, dass wir alteingesessenen Okzidentalen ja so viel gelassener sind. Da aber die rechtspopulistischen Männlein, die die Rostocker Gehwege verunstaltet haben, auch irgendwie ein Produkt unserer Gesellschaft sein müssen, drängt sich dann doch die Frage auf: Projection, much?


Mit Baby im Kinderwagen nimmt man die Stadt auf besondere Weise wahr. Man dreht bedächtige Kreise, betritt hier kurz einen Laden, bestellt dort einen Kaffee und geht selten geradeaus. Im Zickzack hat man es nicht nur weniger eilig, man kann auch besser die Ecken mit Kopfsteinpflaster abpassen, die den Kinderwagen schaukeln und dem kleinen Fahrgast ein wohliges Brummen entlocken. Es ist nicht eigentlich Fortbewegung, denn man bewegt sich nicht auf ein Ziel hin, sondern übt sich in der Kunst, möglichst langsam wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Man langweilt sich und ist dann doch überrascht, dass schon wieder eine Stunde vergangen ist. So entdeckt man Muster, die unter anderen Umständen vielleicht gar nicht auffallen würden. Zum Beispiel, dass just an der Ecke Schwaansche Straße/Universitätsplatz, wo letzte Nacht die hetzerischen Stencils angebracht wurden, immer mal wieder mit Aufklebern für die Identitäre Bewegung geworben wurde. Könnte es sein, dass es im neurechten Milieu der Stadt eine gewisse Einfallslosigkeit der Ortswahl gibt? Die Runden, die Binti und ich allmorgendlich drehen, eignen sich jedenfalls hervorragend dazu, solche Unschönheiten fein säuberlich von den Laternenmasten abzuknibbeln und dem Mülleimer zu überantworten.


¹ Das Wort ‚Schutz‘ ist dabei etwa so wie in Schutzgeld oder Schutzgebiet zu verstehen.

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Links der Woche

Justizminister Heiko Maas spricht von einem „Zivilisationsbruch“ (zur Erinnerung: das ist ein Begriff, den der israelische Historiker Dan Diner geprägt hat, um die Schoa zu zu beschreiben). Die FAZ wirft denjenigen, die darauf hinweisen, dass sexuelle Gewalt in Deutschland alltäglich ist (wie #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek), „Kölnrelativierung“ vor. Die ARD-Redakteurin Anna-Mareike Krause wird in einer Zwischenüberschrift sogar als „Mutter aller Kölnrelativierungen“ tituliert. Nett. Das hört sich an wie eine Kombination aus Holocaustrelativierung und „Mutter aller Schlachten“. Wizorek und Krause sind aus FAZ-Sicht irgendwas zwischen Horst Mahler und Saddam Hussein – schlimmer geht’s nimmer, soll das wohl heißen. Wo kämen wir auch hin, wenn die üblen Vorkommnisse von Silvester in eine Debatte über sexuelle Gewalt mündeten, statt (wie stets, wenn es um ein beliebiges gesellschaftliches Problem geht) in eine Debatte über Islam und Zuwanderung?

  • Regina Schleheck auf Facebook: „Ich erlebe nun seit drei Tagen die sich aufschaukelnde Hype um die Vorkommnisse am Kölner Hauptbahnhof. Ja, ich war mittendrin.“
  • Regina Schleheck erzählt im WDR-Interview von dem Shitstorm, den sie erlebte, nachdem sie ihre Erlebnisse auf Facebook geteilt hatte: „Das gehört auch an die Öffentlichkeit.“
  • Antje Schrupp auf fisch + fleisch: „Die Gewalt von Köln und was jetzt zu tun ist“
  • Elke Wittich von den Prinzessinnenreportern: „Silvester in Köln – einige Anmerkungen“.
  • Hilal Sezgin in der Zeit: „Ich bin es leid“.
  • Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF): Stellungnahme zu den Übergriffen in der Silvesternacht.
  • Isolde Charim in der Wiener Zeitung: „Die Hetzmeute von Köln“.
  • Ali Arbia auf seinem Blog: „Geständnisse eines arabisch und nordafrikanisch aussehenden Menschen“.
  • Renan Demirkan in der Rheinischen Post: „Meine Silvesternacht in Köln“.
  • Hilal Sezgin auf Facebook: „Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Süddeutschen …“
  • Khola Maryam Hübsch in der taz: „Legende vom triebhaften Orientalen“.
  • Waltraud Schwab in der taz: „30-60-370plus“.

„Wer glaubt, er könne Frauen vor Unterdrückung schützen, indem er ihnen das Recht auf Selbstbestimmung nimmt, ist selbst ein Unterdrücker.“

Hatice Kahraman hat einen Follow-up-Artikel zu ihren Interviews mit hidschabtragenden jungen Frauen veröffentlicht (habe ich Anfang des Monats verlinkt), in dem sie auf einige Kommentare zu den Interviews antwortet: „Warum für mich Feminismus und Kopftuch zusammengehören“.

Nahrhaftes Gender, tödliche Esoterik

Ein relativ nützlicher Rat an frischgebackene Eltern ist: Was du vor der Geburt erledigen kannst, erledige vorher. Behördenmistanträge schon mal ausfüllen, Kitas angucken etc. Man schafft sowieso nicht alles, besonders wichtig aber: Schon mal Kinderärzt_innen kontaktieren. Andererseits läuft man Gefahr, eine Woche nach der Geburt hektisch alle möglichen Praxen anzurufen, um rauszufinden, ob sie neue Patient_innen aufnehmen. Also waren wir tatkräftige und kompetente werdende Eltern und haben einer Kinderärztin, die uns sogar empfohlen wurde („nicht zu umständlich, aber auch nicht zu kurz angebunden“) den errechneten Geburtstermin mitgeteilt und angekündigt, dass wir ein, zwei Wochen nach der Entbindung mit dem kleinen Menschen vorbeikommen würden.


Und so haben wir es gemacht. Ich war ganz hochgemut, denn – nachdem wir von diversen Hebammen-Websites nur so bombardiert worden sind mit Homöopathie und sogenannter Impfkritik – freute ich mich darauf, dass uns von nun an eine Person mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, die mit dem Unterschied zwischen Hokuspokus und Medizin vertraut ist. Während es nach drei Besuchen in der Praxis zu früh sein mag, sich ein Urteil über unsere Kinderärztin als Ärztin zu bilden, bin ich mittlerweile in anderer Hinsicht ziemlich ernüchtert. Beim dritten Besuch fiel mir nämlich eine Broschüre ins Auge, die ziemlich prominent auf dem Empfangstresen der Praxis auslag. Das Faltblättchen trägt den Titel „Gender mich nicht!“, will über Gender Mainstreaming informieren und wird von der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit herausgegeben. Unter Gender Mainstreaming versteht man darin den Versuch, die von „lesbischen Feministinnen“ entworfene Gender-Theorie zu gebrauchen, um „die Ehe zwischen Mann und Frau“ in Frage zu stellen und jede Menge Geld zu schaufeln: „Eine ganze Gender-Industrie ernährt sich inzwischen von staatlichen Geldern und Zuschüssen, Projekten und Gremien.“ Ich Uneingeweihter glaubte bislang ja, mit Gender Mainstreaming sei einfach die Aufhebung von geschlechtlicher Diskriminierung in Institutionen gemeint. Das sagt sogar der Duden: Gender Mainstreaming ist die „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“. Dank Junger Freiheit weiß ich es jetzt besser und spiele mit dem Gedanken, mich in der Gender-Industrie zu bewerben, um mich durch sie von staatlichen Geldern nähren zu lassen. Ähem.


Die Junge Freiheit sieht sich als Debattenblatt der intellektuellen Rechten. Allerdings finde ich – und das ist gar nicht polemisch gemeint – ihr Niveau erschütternd niedrig, und teilweise merkt man den Artikeln an, dass es schlicht und einfach an journalistischem Handwerkszeug fehlt. Die „Gender-Ideologie“, für die es „keinen wissenschaftlichen Beweis“ gibt, wird die Junge Freiheit nicht müde zu bekämpfen. Mit Vorliebe bezieht sie sich dabei auf die antifeministische Publizistin Birgit Kelle,¹ die die akademischen Gender Studies mit Argumenten wie dem folgenden ablehnt: „Die Mehrheit der Menschen versteht das Gender-Konzept nicht und sieht keinen Bezug zum eigenen Leben.“ Nun liegt es in der Natur einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, dass es nicht nur zu jedem wissenschaftlichen Fach, sondern auch zu fast jeder beruflichen Kompetenz eine Mehrheit von Menschen gibt, die nichts davon versteht und keinen Bezug zum eigenen Leben sieht. Das heißt, es wäre zutiefst irrational, diese jeweiligen Mehrheiten das entscheidende Urteil über den betreffenden Gegenstand fällen zu lassen.² Kelles Aussage verrät ein tiefes Unbehagen über die komplexe Natur gesellschaftlicher Arbeitsteilung. In ihr verbirgt sich der Wunsch nach Rückkehr zu übersichtlicheren, geordneten und vor allem: autoritären Verhältnissen. In der Esoterik und der Alternativmedizin wird dieser Wunsch gewöhnlich unter dem Stichwort Ganzheitlichkeit bzw. Holismus verhandelt.


Interessanterweise finden sich in der Jungen Freiheit sowohl Beiträge, die alternative Therapien wie Homöopathie ablehnen, als auch solche, die sich als offensive Werbung für Alternativmedizin verstehen lassen. 2010 erschien in der Jungen Freiheit eine Eulogie auf das Magazin natur & heilen, laut Untertitel eine Monatszeitschrift für gesundes Leben. Der Slogan des Magazins lautet „Gesund. Leben. Ganzheitlich.“ Im Online-Forum von natur & heilen werden die alternativmedizinischen Konzepte Ryke Geerd Hamers gepriesen. Hamer, der 1986 die Approbation als Arzt verlor, bezeichnet die Schulmedizin als „jüdisch“ und preist als völkische Alternative die von ihm erfundene „Germanische Neue Medizin“ (GNM) an. Dabei handelt es sich um lebensgefährlichen Unsinn, da Hamer etwa den Einsatz von Chemotherapien verwirft. 1995 verweigerten die Eltern eines sechsjährigen Kindes, das an einem bösartigen Tumor litt, die Behandlung durch Chemotherapie und operative Mittel. Erst nach Entzug des Sorgerechts konnte der Tumor entfernt werden, was dem Kind das Leben rettete. Der Vater des Kindes ist ein eifriger Anhänger der GNM. 2009/10 wiederholte sich das Szenario: Ein Elternpaar brach unter dem Einfluss Hamers die Krebstherapie seines zwölfjährigen Kindes ab. Es bildeten sich Metastasen; nach sechs Monaten starb das Kind. Hamer behauptete daraufhin zynisch, dem Kind sei ein Chip implantiert worden, der die tödliche Krebserkrankung simuliert habe, um es „punktgenau ausknipsen“ zu können. Seine Bücher veröffentlicht Hamer im rechtsradikalen Kopp Verlag, der sich auf antimuslimische und verschwörungstheoretische Literatur spezialisiert hat. Beim Web-Auftritt des Verlags, Kopp Online, ist wiederum Birgit Kelle mit einem Beitrag präsent, in dem sie die mangelnde Gebärfreudigkeit deutscher Frauen beklagt.


Doch das ist noch nicht alles an gemeingefährlichem Quatsch, den natur & heilen zu bieten hat. Zu den Autor_innen des Blatts zählt Ruediger Dahlke. Der Verfasser zahlreicher Psycho-Ratgeber ist der Auffassung, es sei möglich und sogar gesund, sich von Licht zu ernähren und auf sogenannte „grobstoffliche“ Nahrung zu verzichten. Ob er die UV-Diät selber praktiziert, konnte ich nicht herausfinden.


Die Frage für uns ist jetzt: Was tun? Wir haben uns entschieden, zuerst einmal das Gespräch mit der bisherigen Ärztin zu suchen, um herauszufinden, wie die Junge-Freiheit-Broschüre in ihre Praxis gelangt ist. Ist ja nicht so selten, dass irgendwo Flyer ausgelegt werden, ohne dass jemand sich genauer damit befasst, für wen oder was da geworben wird. Sollte die Ärztin (oder ihr Praxisteam) die Inhalte des Flyers in irgendeiner Weise verteidigen, wäre das für uns allerdings ein Grund, sofort nach einer anderen kinderärztlichen Praxis Ausschau zu halten – aus antifaschistischen und feministischen wie aus gesundheitlichen Gründen.


¹ Wer sie noch nicht kannte, kennt sie spätestens seit ihrem Auftritt bei Hart aber fair.

² Die Kehrseite des Problems ist die Expertokratie, die Entmündigung der Individuen durch Fachleute, wie Ivan Illich sie beschrieben hat. Dagegen hilft aber allenfalls, sich Mündigkeit neu zu erkämpfen. Ressentiments gegen Wissenschaft halte ich jedenfalls für kontraproduktiv.

Der Rassenkrieger und die Taliban

Theodore Beale ist die so ziemlich abstoßendste Erscheinungsform des Internetfaschos, die man sich vorstellen kann: Er wünscht sich Anders Behring Breivik als zukünftigen Nationalhelden Norwegens und ist nach PUA-Manier überzeugt, dass die sexuelle Attraktivität von Männern mit dem Grad ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen steigt. Beale ist der Sohn des Unternehmers und ehemaligen Multimillionärs Robert Beale, einem evangelikalen Christen, der 1988 den Fernsehprediger Pat Robertson bei seiner Präsidentschaftskandidatur unterstützte. Mittlerweile sitzt Beale senior im Gefängnis, weil er aufgrund einer (gelinde gesagt) eigenwilligen Interpretation der US-Verfassung zu der Überzeugung gelangte, er sei nicht zum Zahlen von Steuern verpflichtet. Daraufhin begann er einen erbitterten Kampf gegen die US-Steuerfahndungsbehörde IRS, der damit endete, dass Beale wegen Steuerhinterziehung und Bedrohung eines Bundesrichters zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Beale junior begann seine Karriere als Kolumnist bei der ultrakonservativen Newssite WorldNetDaily, bei der sein Vater Anteilseigner und Vorstandsmitglied war. Zwischenzeitlich versuchte er sich als Spieledesigner, als Texter für die Band Psykosonik und als Fantasy-Autor. Dieser letzte Karriereversuch nahm ein unrühmliches Ende, als der Berufsverband Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) Beales Mitgliedschaft kündigte, weil er ihr offizielles Twitterkonto zum Verbreiten rassistischer hate speech missbraucht hatte. Seitdem betreibt er den in Finnland ansässigen Kleinstverlag Castalia House und ist ansonsten vor allem als rechtsradikaler Blogger bekannt. Als Autor, ob on- oder offline, tritt Beale meist unter dem Pseudonym Vox Day auf – und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich tatsächlich als Stimme Gottes versteht.


Wie sein Vater ist er evangelikaler Christ, bestreitet die Evolution und den Klimawandel. Er ist Impfgegner und ruft dazu auf, Kinder zu Hause zu unterrichten, da sie in öffentlichen Schulen angeblich indoktriniert würden. Neben diesen Positionen, die typisch für die christliche Rechte in den USA sind, vertritt Beale immer wieder auch biologistische und szientistische Ansichten. Homosexualität ist für ihn weniger eine Sünde als eine Krankheit, und eines seiner Lieblingsthemen ist eine rassistische ‚Theorie‘ namens human subspeciesism. Dabei handelt es sich um eine Spielart des „Rassismus ohne Rassen“ (Étienne Balibar), der terminologische Anklänge an die klassischen Rassentheorien, die seit dem Ende des nationalsozialistischen Regimes mehr oder weniger diskreditiert sind, zu vermeiden sucht. Ideologische Grundlage ist aber wie bei früheren Rassentheorien die Annahme, die Weltbevölkerung sei in drei ‚Großrassen‘ einzuteilen, die europide (oder kaukasoide), negride und mongolide ‚Rasse‘. Nur gebraucht Beale diese Bezeichnungen nicht, sondern spricht von drei Unterarten (subspecies) der Art Homo sapiens. Diese Unterarten seien durch Vermischungen des Homo sapiens mit anderen Homo-Arten entstanden. Demzufolge sind

  • schwarze Menschen ‚reine‘ Homo sapiens.
  • asiatische Menschen Homo sapiens, die sich mit dem Denisova-Menschen vermischt haben.
  • weiße Menschen Homo sapiens, die sich mit Homo neanderthalensis vermischt haben.

Daraus ergibt sich laut Beale eine Rangfolge unter den subspecies. Schwarze seien körperlich leistungsfähiger, Weiße intelligenter und Asiat_innen disziplinierter. Wie man sieht, handelt es sich um altbekannte rassistische Klischees, die Beale da vertritt, notdürftig verkleidet durch die Einführung einer neuen Terminologie. Und natürlich leitet er daraus die Forderung ab, die hochintelligenten Homo-sapiens-neanderthalensis-Hybriden müssten sich mittels geschlossener, militärisch verteidigter Grenzen vor Immigration (für die Beale gern das Wort Invasion gebraucht) schützen.


Beales eigentliches Leib-und-Magen-Thema, bei dem er sich regelmäßig in wahre Tiraden reinsteigert, ist aber der angebliche Zusammenhang zwischen Bildungsmöglichkeiten für Frauen und schrumpfenden Bevölkerungszahlen. Angesichts der rassistischen Grundlage von Beales Denken ist es nicht weiter verwunderlich, dass er überzeugt ist, gutes Leben sei gleichzusetzen mit biologischem Überleben. Sprich: Die Aufgabe von (weißen) Frauen ist es, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, denn sinkende Geburtenraten führen unweigerlich zum Ruin der Wirtschaft, zum Verfall der Kultur und dem Ende aller Zivilisation. Der Grund dafür ist, dass Frauen verhängnisvollerweise Zugang zu höherer Bildung gewährt wurde – ein Fehler, den Beale lieber heute als morgen rückgängig machen würde. Frauen mit Universitätsabschluss, so erklärt Beale auf seinem Blog Alpha Game, sind zu anspruchsvoll, was die Wahl ihrer männlichen Sexualpartner angeht. Finden sie keinen Mann, der ihnen gefällt, bleiben sie lieber kinderlos, statt sich mit dem erstbesten Doppelrippträger zufriedenzugeben, „as their mothers and grandmothers did“. Diesen Sachverhalt kann Beale gar nicht genug beklagen, denn wenn arische, Verzeihung: Homo-sapiens-neanderthalensis-Frauen keine künftigen Rassenkrieger mehr zur Welt bringen, stehen natürlich sofort die bösen ‚reinen‘ Homo-sapiens-Horden vor den Toren. Das alles ist so absurd, ressentimentgeladen und pathetisch, dass ich es kaum ernst nehmen mag. Aber Beale ist nicht einfach nur ein Spinner, sondern für die verschiedenen Spielarten der radikalen Rechten in den USA eine wichtige Integrationsfigur. Wie bereits geschildert, bedient er einerseits die Diskurse der religiösen Rechten, andererseits aber auch die der sich ‚wissenschaftlich‘ und positivistisch gebenden reaktionären Bewegungen wie Männerrechtlern und white suprematists. Zudem vertritt Beale GamerGate-Positionen und bezeichnet sich als Anhänger des Dark Enlightenment. Seine politökonomische Ideologie charakterisiert er als „nationallibertär“. Das scheint seine eigene Wortschöpfung zu sein, die wohl einerseits nach kapitalistischem Unternehmergeist klingen, andererseits aber rechtfertigen soll, dass Beale gegen Arbeitsmigration und freien Handel ist, die ja als libertäre Kernforderungen gelten. Beale wirbt gern für die einwanderungs- und islamfeindlichen Populismen Europas, indem er sie seiner vornehmlich aus den USA stammenden Leser_innenschaft als Vorbilder anpreist. Meiner Einschätzung nach steht er der autoritär-etatistischen europäischen Rechten mentalitätsmäßig näher als den US-Konservativen mit ihrer Laissez-faire-Mentalität, versucht aber zugleich, auf allen nur möglichen Hochzeiten zu tanzen. Seine Blogs Vox Popoli (sic!) und Alpha Game sind jedenfalls bei rechten Evangelikalen, Männerrechtlern und diversen Verschwörungsgläubigen äußerst beliebt.


Interessant ist, dass Beale ausgerechnet die Taliban als Autoritäten im Kampf gegen Bildungsmöglichkeiten für Frauen anruft:

Ironically, in light of the strong correlation between female education and demographic decline, a purely empirical perspective on Malala Yousafzai, the poster girl for global female education, may indicate that the Taliban’s attempt to silence her was perfectly rational and scientifically justifiable.

Neben der Tatsache, dass ihm offenbar nicht klar ist, was das Wort ‚empirisch‘ bedeutet, ist das ein typisches Beispiel für Beales Argumentationsweise: Er schiebt seine eigenen Ansichten anderen unter, um nötigenfalls behaupten zu können, er habe doch nie im Leben dazu aufgerufen, Teenager_innen, die sich für Schulbildung einsetzen, ins Gesicht zu schießen. Dummerweise hat er nicht damit gerechnet, dass die Taliban über eine gut funktionierende Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit verfügen. Ihsanullah Ihsan, ein Sprecher der pakistanischen Taliban, rechtfertigte den Mordanschlag damit, dass Malala „Negativpropaganda“ über den Islam verbreite und proamerikanisch eingestellt sei. Wörtlich bezeichnete er sie als ein „Wahrzeichen der Ungläubigen und der Unzucht“. Später verkündete er, Malala sei eine Spionin, die von „den Zionisten“ bezahlt worden sei, Geheiminformationen über die Taliban an westliche Medien weiterzugeben. Und nicht nur das, der Talibansprecher betonte ausdrücklich, Malala sei nicht wegen ihres Bildungsaktivismus attackiert worden:

Had it been for education, then there are scores of girls who go out to school (they would have been attacked too).

Drittens behauptete er noch, Malala habe versucht, Konflikte in der paschtunischen Gesellschaft anzuheizen. Das dürfte dem wahren Grund für den viehischen Anschlag am nächsten kommen. Handelt es sich bei der Behauptung, Malala sei eine „zionistische“ Spionin, um eine völlig abstruse antisemitische Verschwörungstheorie, und entbehrt auch der Vorwurf der antiislamischen Propaganda jeder Grundlage, ist doch leicht vorstellbar, was den Hass der Taliban erregt hat: Malala ist nicht nur gläubige Muslimin, sondern auch ethnische Paschtunin – und hat dennoch kein Problem damit, wenn Mädchen die Schule besuchen. Die Taliban berufen sich zur Rechtfertigung ihres Handelns aber stets auf ihre paschtunische Identität. Auch den Anschlag auf Malala begründete Ihsanullah Ihsan mit „dem Islam und paschtunischen Traditionen“.


In der Taliban-Ideologie sind zwei ideologische Stränge zu unterscheiden. Einerseits erhoben die Taliban den Anspruch, da weiterzumachen, wo die afghanischen Mudschahedin aufgehört hatten: Nach dem Krieg gegen die atheistische Sowjetunion sei der Kampf auf den dekadenten Westen auszudehnen. Das erklärt das Bündnis der afghanischen Taliban mit dem internationalen Dschihadismus, der in den 1990ern und frühen 2000ern vor allem von al-Qaida verkörpert wurde. Für dieses Bündnis wird heute hauptsächlich der mutmaßlich verstorbene Mullah Mohammed Omar verantwortlich gemacht, der sich 1996 zum Befehlshaber der Gläubigen (amir al-muminin) ausrufen ließ, womit er beanspruchte, das politische und religiöse Oberhaupt der weltweiten islamischen Gemeinschaft zu sein – ganz ähnlich wie heute der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi. Da es aber gerade das Bündnis mit Bin Laden & Co. war, das 2001 zum US-geführten Krieg gegen die Taliban führte, erfreut sich Mullah Omars Linie bei heutigen Taliban-Chefs nicht gerade großer Beliebtheit. Von Anfang an gehörte ein zweites, gewissermaßen innenpolitisches Element zur Taliban-Ideologie. Nachdem die verschiedenen Mudschahedin-Gruppen mehr oder weniger (meistens weniger) einmütig gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, brachen sofort nach dem Zusammenbruch der prosowjetischen afghanischen Regierung 1992 bewaffnet ausgetragene Konflikte zwischen den Mudschahedin-Gruppen aus. In dieser Situation vermochten es die Taliban, sich als Law-and-Order-Macht darzustellen, die in einer chaotischen politischen Situation der einzige Garant für die Sicherheit der Bevölkerung sei. Von diesem Nimbus zehren die Taliban bis heute – und natürlich gibt es westliche Journalist_innen, die ihnen auf den Leim gehen. Dabei ist zur Genüge bekannt, auf welche Weise die Taliban für Ruhe und Ordnung sorgten: andauernde Schikanen, Massaker an schiitischen Gläubigen, als Volksfeste zelebrierte Hinrichtungen und dergleichen mehr. Die eklektische Mischung aus deobandischer Theologie und paschtunischem Ethos, mit dem die Taliban ihr brutales Regime rechtfertigten, trägt Züge eines religiös verbrämten Ethnonationalismus. Das gilt auch für den pakistanischen Zweig der Taliban, der für das Attentat auf Malala verantwortlich ist und zur Legitimation seiner Übergriffe den angeblichen Sittenverfall der pakistanischen Gesellschaft anführt.


Wie sich gezeigt hat, gehen aber nicht einmal die Taliban so weit, Mordanschläge auf Jugendliche als ein „durchaus vernünftiges und wissenschaftlich begründbares“ Mittel gegen die angeblichen Übel der Frauen- und Mädchenbildung anzusehen. Um das Attentat auf Malala zu rechtfertigen, mussten sie sich eine antisemitische Verschwörung ausdenken. Es ist nicht gerade beruhigend, dass der Rassist und Antifeminist Theodore Beale im direkten Vergleich barbarischer als selbst die Taliban denkt, wenn auch (bis jetzt) nicht handelt. Ein Kommentator in Beales Blog denkt trotzdem über die Gründung eines US-amerikanischen Ablegers der Taliban nach, schließt aber ernüchtert:

The trick is, how to set up and implement a Taliban-style movement here. […] Even the Muslims of my acquaintance are gung-ho about their daughters attending college and grad school and becoming professionals.

Zu dumm auch, wenn man sich zur Bekräftigung seiner reaktionären Ansichten auf den Islam berufen will, aber feststellen muss, dass die Muslime nicht mitspielen.