Links der Woche

Die Initiative #ausnahmlos finde ich unterstützenswert, möchte aber dennoch zwei eher kritische Repliken darauf verlinken:

  • Nadia Shehadeh von der Mädchenmannschaft fragt nach: „Ist ein feministisches Consulting und/oder Coaching unserer Institutionen sozialer Kontrolle ein Teil der Lösung, wenn genau diese Institutionen oft auch Teil des Problems sind? Können wir mit guter Hoffnung an Apparate appellieren, die seit Jahrhunderten zur Standswahrung von Privilegien und Abhängigkeiten funktionieren? Was lehrt uns die Ethnisierung sozialer Missstände und die Befeuerung von Entsolidarisierungstendenzen?“
  • Die Amadeu-Antonio-Stiftung weist darauf hin, dass unter den Erstunterzeichnerinnen von #ausnahmslos prominente BDS-Unterstützerinnen sind: „Insbesondere seit der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im südafrikanischen Durban im Jahr 2001 spielt der Antisemitismus in Teilen der weltweiten Antirassismus-Bewegung eine zunehmend große Rolle. Die an für sich sehr wichtige UN-Konferenz gegen Rassismus wandte sich fast alleinig gegen Israel. […] Bei der Konferenz kam es auch zu physischen Angriffe auf Jüdinnen und Juden, die teilweise verängstigt vorzeitig die Konferenz verließen.“ Die Stiftung fordert deshalb, die Verquickung von Antirassismus und Antisemitismus kritisch zu beleuchten – was die Antira-Bewegung am besten selbst tun sollte.

Der Broder und das Volk

Publikative.org über den „48. Abendspaziergang“ von Bärgida am 9. November:

[D]er Aufmarsch mit seinen 120 Teilnehmenden [zog] samt Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen an der Synagoge Rykestraße vorbei, welche 74 Jahre zuvor geplündert und geschändet worden war. Noch am Hauptbahnhof in Mitte hatte ein Redner die Bundesregierung als „Brunnenvergifter“ bezeichnet, auf dem Weg zur Synagoge wurde „Nationaler Sozialismus jetzt!“ skandiert.

Und die FAZ bringt einige Zitate aus Tatjana Festerlings Pegida-Rede am Montagabend:

Während im Hintergrund an der verdunkelten Semperoper der Satz „Wir gedenken der Opfer der Reichspogromnacht 1938“ leuchtete, forderte Festerling vorn auf dem Platz „Schluss mit der Nazi-Paranoia“ und erklärte unter großem Jubel „den Schuldkomplex aus zwölf Jahren Naziherrschaft offiziell für beendet“. An Regierung und Presse („Links versiffte Schundblätter“) gerichtet, sagte Festerling: „Lasst uns mit eurem Schuldkult für die Vergangenheit, für die keiner von uns hier die Verantwortung trägt, endlich in Ruhe.“

Richtig, das ist die Tatjana Festerling, die den Hamburger Landesverband der AfD mitgründete, später für HoGeSa die Werbetrommel rührte, Geert Wilders zu Pegida einlud und für PI-News schreibt – das islamfeindliche Blog, das sich selbst als „proisraelisch“ bezeichnet.


Die „christlich-jüdische Tradition“, der man sich in islamfeindlichen Kreisen eine Zeitlang gern rühmte, ist dann wohl wieder mal abgesagt. Außer vielleicht bei Henryk M. Broder, für den ist Pegida das „Volk, das stumm gegen seine Entmachtung demonstriert“, entmachtet von Politiker_innen, die sich „wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts“ benehmen und „ein Festival des Wahnsinns“ veranstalten, weil sie sich nur noch für Unwichtiges interessieren („der Euro, die Energiewende, das Klima“). So sprechend erhob Broder Ende letzten Jahres in der Welt den Zeigefinger, um es der Politik mal so richtig zu zeigen. Mittlerweile demonstriert das Volk nicht mehr stumm, sondern rottet sich zum Jahrestag der Reichspogromnacht vor einer Synagoge zusammen, um den Nationalen Sozialismus wieder herbeizubrüllen – wenn es nicht gerade damit beschäftigt ist, das Volk, missliebige Politikerinnen mit dem Bowiemesser niederzustechen, in der S-Bahn auf Kinder zu urinieren oder Geflüchtetenunterkünfte anzuzünden. Nicht mal eine Nulpe wie Broder hat ein solches Volk verdient.

Die syrische Bart-Partei

Heute bin ich auf diesen Troll-Tweet gestoßen:

Bart-Partei

Dem Bart des Mannes kommt im orientalistischen Diskurs eine besondere Bedeutung zu. Der Bart ist anders, er ist nicht ‚abendländisch‘. Wie der Hidschab bei den Frauen dient der Bart bei den Männern als Integrationshindernis. Das führt zu Reaktionen: Salafitische Konvertiten sind stolz auf ihre Fusselbärte, und muslimische Jugendliche ziehen gern durch den Kiez und fragen barttragende Kartoffeln spöttisch, ob sie vielleicht christliche Fundamentalisten seien.


Nun steht also im Raum, ob die syrische Bart-Partei ein Ableger der deutschen Bart-Partei ist. Das ist immerhin neu. Ich muss sagen, auf den ersten Blick nehme ich einen deutlichen Unterschied wahr. Hier der Look der deutschen Bart-Partei:

Man sieht, dass der typische deutsche Parteibart nur etwa maikäfergroß ist. Der syrische Parteibart ist im Vergleich etwas breiter:

Von solchen Details abgesehen, gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und syrischen Parteibärten. Der Baathismus, die offizielle Ideologie der syrischen Bart-Partei, stammt aus den 1930ern, der Hochzeit des Faschismus in Europa. Michel Aflaq, einer der Gründer des Baathismus, unterstützte 1941 den profaschistischen Staatsstreich Raschid Ali al-Gailanis im Irak. Das Regime al-Gailanis plante eine Militärkooperation mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Nachdem britische Truppen das Regime stürzten, organisierten al-Gailanis Anhänger einen Pogrom an der jüdischen Bevölkerung Bagdads, der hunderte von Menschenleben kostete. Aflaq empfahl offen Repression und Grausamkeit als Mittel zur politischen Erziehung des arabischen Volkes, das von seinem wahren Selbst entfremdet sei. Angeblich soll sich im frühen Baathismus auch eine rege Übersetzungstätigkeit entwickelt haben, bei der die (proto)-nationalsozialistischen Schriften von Houston Stewart Chamberlain und Alfred Rosenberg ins Arabische übertragen wurden. Im organisatorischen Sinn ein Ableger der NSDAP ist der Baathismus aber nicht. Überhaupt zeichnet er sich durch höchste ideologische Flexibilität aus. Die baathistischen Herrscher in Syrien und im Irak gaben sich mal säkular, mal islamisch. Mal arbeiteten sie mit den Kommunisten zusammen, dann wieder warfen sie sie ins Gefängnis. Ein Merkmal ist allerdings durchgängig vorhanden: Jegliche Opposition wird mit äußerster Brutalität unterdrückt, wie sich seit 2011 im Syrischen Bürgerkrieg immer wieder zeigt.


Was der gute @Jonni77Like nicht kapiert hat, ist aber vor allem: Die syrischen Refugees, die gegenwärtig nach Europa kommen, sind keine Anhänger_innen der Assad-Bärte, sondern fliehen vor ihnen. Dank der Unterstützung Russlands und der Indifferenz des Westens hat das Assad-Regime freie Hand, seine Bevölkerung zu massakrieren – solange es auf den allzu anstößigen Einsatz von Chemiewaffen verzichtet. Rassismus in Europa, das bedeutet brennende Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland, Gewaltexzesse der ungarischen Polizei und geschlossene Grenzen in Dänemark. Angesichts dessen den syrischen Refugees Rassismus zu unterstellen, ist dümmster Zynismus.

Nahrhaftes Gender, tödliche Esoterik

Ein relativ nützlicher Rat an frischgebackene Eltern ist: Was du vor der Geburt erledigen kannst, erledige vorher. Behördenmistanträge schon mal ausfüllen, Kitas angucken etc. Man schafft sowieso nicht alles, besonders wichtig aber: Schon mal Kinderärzt_innen kontaktieren. Andererseits läuft man Gefahr, eine Woche nach der Geburt hektisch alle möglichen Praxen anzurufen, um rauszufinden, ob sie neue Patient_innen aufnehmen. Also waren wir tatkräftige und kompetente werdende Eltern und haben einer Kinderärztin, die uns sogar empfohlen wurde („nicht zu umständlich, aber auch nicht zu kurz angebunden“) den errechneten Geburtstermin mitgeteilt und angekündigt, dass wir ein, zwei Wochen nach der Entbindung mit dem kleinen Menschen vorbeikommen würden.


Und so haben wir es gemacht. Ich war ganz hochgemut, denn – nachdem wir von diversen Hebammen-Websites nur so bombardiert worden sind mit Homöopathie und sogenannter Impfkritik – freute ich mich darauf, dass uns von nun an eine Person mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, die mit dem Unterschied zwischen Hokuspokus und Medizin vertraut ist. Während es nach drei Besuchen in der Praxis zu früh sein mag, sich ein Urteil über unsere Kinderärztin als Ärztin zu bilden, bin ich mittlerweile in anderer Hinsicht ziemlich ernüchtert. Beim dritten Besuch fiel mir nämlich eine Broschüre ins Auge, die ziemlich prominent auf dem Empfangstresen der Praxis auslag. Das Faltblättchen trägt den Titel „Gender mich nicht!“, will über Gender Mainstreaming informieren und wird von der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit herausgegeben. Unter Gender Mainstreaming versteht man darin den Versuch, die von „lesbischen Feministinnen“ entworfene Gender-Theorie zu gebrauchen, um „die Ehe zwischen Mann und Frau“ in Frage zu stellen und jede Menge Geld zu schaufeln: „Eine ganze Gender-Industrie ernährt sich inzwischen von staatlichen Geldern und Zuschüssen, Projekten und Gremien.“ Ich Uneingeweihter glaubte bislang ja, mit Gender Mainstreaming sei einfach die Aufhebung von geschlechtlicher Diskriminierung in Institutionen gemeint. Das sagt sogar der Duden: Gender Mainstreaming ist die „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“. Dank Junger Freiheit weiß ich es jetzt besser und spiele mit dem Gedanken, mich in der Gender-Industrie zu bewerben, um mich durch sie von staatlichen Geldern nähren zu lassen. Ähem.


Die Junge Freiheit sieht sich als Debattenblatt der intellektuellen Rechten. Allerdings finde ich – und das ist gar nicht polemisch gemeint – ihr Niveau erschütternd niedrig, und teilweise merkt man den Artikeln an, dass es schlicht und einfach an journalistischem Handwerkszeug fehlt. Die „Gender-Ideologie“, für die es „keinen wissenschaftlichen Beweis“ gibt, wird die Junge Freiheit nicht müde zu bekämpfen. Mit Vorliebe bezieht sie sich dabei auf die antifeministische Publizistin Birgit Kelle,¹ die die akademischen Gender Studies mit Argumenten wie dem folgenden ablehnt: „Die Mehrheit der Menschen versteht das Gender-Konzept nicht und sieht keinen Bezug zum eigenen Leben.“ Nun liegt es in der Natur einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, dass es nicht nur zu jedem wissenschaftlichen Fach, sondern auch zu fast jeder beruflichen Kompetenz eine Mehrheit von Menschen gibt, die nichts davon versteht und keinen Bezug zum eigenen Leben sieht. Das heißt, es wäre zutiefst irrational, diese jeweiligen Mehrheiten das entscheidende Urteil über den betreffenden Gegenstand fällen zu lassen.² Kelles Aussage verrät ein tiefes Unbehagen über die komplexe Natur gesellschaftlicher Arbeitsteilung. In ihr verbirgt sich der Wunsch nach Rückkehr zu übersichtlicheren, geordneten und vor allem: autoritären Verhältnissen. In der Esoterik und der Alternativmedizin wird dieser Wunsch gewöhnlich unter dem Stichwort Ganzheitlichkeit bzw. Holismus verhandelt.


Interessanterweise finden sich in der Jungen Freiheit sowohl Beiträge, die alternative Therapien wie Homöopathie ablehnen, als auch solche, die sich als offensive Werbung für Alternativmedizin verstehen lassen. 2010 erschien in der Jungen Freiheit eine Eulogie auf das Magazin natur & heilen, laut Untertitel eine Monatszeitschrift für gesundes Leben. Der Slogan des Magazins lautet „Gesund. Leben. Ganzheitlich.“ Im Online-Forum von natur & heilen werden die alternativmedizinischen Konzepte Ryke Geerd Hamers gepriesen. Hamer, der 1986 die Approbation als Arzt verlor, bezeichnet die Schulmedizin als „jüdisch“ und preist als völkische Alternative die von ihm erfundene „Germanische Neue Medizin“ (GNM) an. Dabei handelt es sich um lebensgefährlichen Unsinn, da Hamer etwa den Einsatz von Chemotherapien verwirft. 1995 verweigerten die Eltern eines sechsjährigen Kindes, das an einem bösartigen Tumor litt, die Behandlung durch Chemotherapie und operative Mittel. Erst nach Entzug des Sorgerechts konnte der Tumor entfernt werden, was dem Kind das Leben rettete. Der Vater des Kindes ist ein eifriger Anhänger der GNM. 2009/10 wiederholte sich das Szenario: Ein Elternpaar brach unter dem Einfluss Hamers die Krebstherapie seines zwölfjährigen Kindes ab. Es bildeten sich Metastasen; nach sechs Monaten starb das Kind. Hamer behauptete daraufhin zynisch, dem Kind sei ein Chip implantiert worden, der die tödliche Krebserkrankung simuliert habe, um es „punktgenau ausknipsen“ zu können. Seine Bücher veröffentlicht Hamer im rechtsradikalen Kopp Verlag, der sich auf antimuslimische und verschwörungstheoretische Literatur spezialisiert hat. Beim Web-Auftritt des Verlags, Kopp Online, ist wiederum Birgit Kelle mit einem Beitrag präsent, in dem sie die mangelnde Gebärfreudigkeit deutscher Frauen beklagt.


Doch das ist noch nicht alles an gemeingefährlichem Quatsch, den natur & heilen zu bieten hat. Zu den Autor_innen des Blatts zählt Ruediger Dahlke. Der Verfasser zahlreicher Psycho-Ratgeber ist der Auffassung, es sei möglich und sogar gesund, sich von Licht zu ernähren und auf sogenannte „grobstoffliche“ Nahrung zu verzichten. Ob er die UV-Diät selber praktiziert, konnte ich nicht herausfinden.


Die Frage für uns ist jetzt: Was tun? Wir haben uns entschieden, zuerst einmal das Gespräch mit der bisherigen Ärztin zu suchen, um herauszufinden, wie die Junge-Freiheit-Broschüre in ihre Praxis gelangt ist. Ist ja nicht so selten, dass irgendwo Flyer ausgelegt werden, ohne dass jemand sich genauer damit befasst, für wen oder was da geworben wird. Sollte die Ärztin (oder ihr Praxisteam) die Inhalte des Flyers in irgendeiner Weise verteidigen, wäre das für uns allerdings ein Grund, sofort nach einer anderen kinderärztlichen Praxis Ausschau zu halten – aus antifaschistischen und feministischen wie aus gesundheitlichen Gründen.


¹ Wer sie noch nicht kannte, kennt sie spätestens seit ihrem Auftritt bei Hart aber fair.

² Die Kehrseite des Problems ist die Expertokratie, die Entmündigung der Individuen durch Fachleute, wie Ivan Illich sie beschrieben hat. Dagegen hilft aber allenfalls, sich Mündigkeit neu zu erkämpfen. Ressentiments gegen Wissenschaft halte ich jedenfalls für kontraproduktiv.

Der Rassenkrieger und die Taliban

Theodore Beale ist die so ziemlich abstoßendste Erscheinungsform des Internetfaschos, die man sich vorstellen kann: Er wünscht sich Anders Behring Breivik als zukünftigen Nationalhelden Norwegens und ist nach PUA-Manier überzeugt, dass die sexuelle Attraktivität von Männern mit dem Grad ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen steigt. Beale ist der Sohn des Unternehmers und ehemaligen Multimillionärs Robert Beale, einem evangelikalen Christen, der 1988 den Fernsehprediger Pat Robertson bei seiner Präsidentschaftskandidatur unterstützte. Mittlerweile sitzt Beale senior im Gefängnis, weil er aufgrund einer (gelinde gesagt) eigenwilligen Interpretation der US-Verfassung zu der Überzeugung gelangte, er sei nicht zum Zahlen von Steuern verpflichtet. Daraufhin begann er einen erbitterten Kampf gegen die US-Steuerfahndungsbehörde IRS, der damit endete, dass Beale wegen Steuerhinterziehung und Bedrohung eines Bundesrichters zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Beale junior begann seine Karriere als Kolumnist bei der ultrakonservativen Newssite WorldNetDaily, bei der sein Vater Anteilseigner und Vorstandsmitglied war. Zwischenzeitlich versuchte er sich als Spieledesigner, als Texter für die Band Psykosonik und als Fantasy-Autor. Dieser letzte Karriereversuch nahm ein unrühmliches Ende, als der Berufsverband Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) Beales Mitgliedschaft kündigte, weil er ihr offizielles Twitterkonto zum Verbreiten rassistischer hate speech missbraucht hatte. Seitdem betreibt er den in Finnland ansässigen Kleinstverlag Castalia House und ist ansonsten vor allem als rechtsradikaler Blogger bekannt. Als Autor, ob on- oder offline, tritt Beale meist unter dem Pseudonym Vox Day auf – und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich tatsächlich als Stimme Gottes versteht.


Wie sein Vater ist er evangelikaler Christ, bestreitet die Evolution und den Klimawandel. Er ist Impfgegner und ruft dazu auf, Kinder zu Hause zu unterrichten, da sie in öffentlichen Schulen angeblich indoktriniert würden. Neben diesen Positionen, die typisch für die christliche Rechte in den USA sind, vertritt Beale immer wieder auch biologistische und szientistische Ansichten. Homosexualität ist für ihn weniger eine Sünde als eine Krankheit, und eines seiner Lieblingsthemen ist eine rassistische ‚Theorie‘ namens human subspeciesism. Dabei handelt es sich um eine Spielart des „Rassismus ohne Rassen“ (Étienne Balibar), der terminologische Anklänge an die klassischen Rassentheorien, die seit dem Ende des nationalsozialistischen Regimes mehr oder weniger diskreditiert sind, zu vermeiden sucht. Ideologische Grundlage ist aber wie bei früheren Rassentheorien die Annahme, die Weltbevölkerung sei in drei ‚Großrassen‘ einzuteilen, die europide (oder kaukasoide), negride und mongolide ‚Rasse‘. Nur gebraucht Beale diese Bezeichnungen nicht, sondern spricht von drei Unterarten (subspecies) der Art Homo sapiens. Diese Unterarten seien durch Vermischungen des Homo sapiens mit anderen Homo-Arten entstanden. Demzufolge sind

  • schwarze Menschen ‚reine‘ Homo sapiens.
  • asiatische Menschen Homo sapiens, die sich mit dem Denisova-Menschen vermischt haben.
  • weiße Menschen Homo sapiens, die sich mit Homo neanderthalensis vermischt haben.

Daraus ergibt sich laut Beale eine Rangfolge unter den subspecies. Schwarze seien körperlich leistungsfähiger, Weiße intelligenter und Asiat_innen disziplinierter. Wie man sieht, handelt es sich um altbekannte rassistische Klischees, die Beale da vertritt, notdürftig verkleidet durch die Einführung einer neuen Terminologie. Und natürlich leitet er daraus die Forderung ab, die hochintelligenten Homo-sapiens-neanderthalensis-Hybriden müssten sich mittels geschlossener, militärisch verteidigter Grenzen vor Immigration (für die Beale gern das Wort Invasion gebraucht) schützen.


Beales eigentliches Leib-und-Magen-Thema, bei dem er sich regelmäßig in wahre Tiraden reinsteigert, ist aber der angebliche Zusammenhang zwischen Bildungsmöglichkeiten für Frauen und schrumpfenden Bevölkerungszahlen. Angesichts der rassistischen Grundlage von Beales Denken ist es nicht weiter verwunderlich, dass er überzeugt ist, gutes Leben sei gleichzusetzen mit biologischem Überleben. Sprich: Die Aufgabe von (weißen) Frauen ist es, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, denn sinkende Geburtenraten führen unweigerlich zum Ruin der Wirtschaft, zum Verfall der Kultur und dem Ende aller Zivilisation. Der Grund dafür ist, dass Frauen verhängnisvollerweise Zugang zu höherer Bildung gewährt wurde – ein Fehler, den Beale lieber heute als morgen rückgängig machen würde. Frauen mit Universitätsabschluss, so erklärt Beale auf seinem Blog Alpha Game, sind zu anspruchsvoll, was die Wahl ihrer männlichen Sexualpartner angeht. Finden sie keinen Mann, der ihnen gefällt, bleiben sie lieber kinderlos, statt sich mit dem erstbesten Doppelrippträger zufriedenzugeben, „as their mothers and grandmothers did“. Diesen Sachverhalt kann Beale gar nicht genug beklagen, denn wenn arische, Verzeihung: Homo-sapiens-neanderthalensis-Frauen keine künftigen Rassenkrieger mehr zur Welt bringen, stehen natürlich sofort die bösen ‚reinen‘ Homo-sapiens-Horden vor den Toren. Das alles ist so absurd, ressentimentgeladen und pathetisch, dass ich es kaum ernst nehmen mag. Aber Beale ist nicht einfach nur ein Spinner, sondern für die verschiedenen Spielarten der radikalen Rechten in den USA eine wichtige Integrationsfigur. Wie bereits geschildert, bedient er einerseits die Diskurse der religiösen Rechten, andererseits aber auch die der sich ‚wissenschaftlich‘ und positivistisch gebenden reaktionären Bewegungen wie Männerrechtlern und white suprematists. Zudem vertritt Beale GamerGate-Positionen und bezeichnet sich als Anhänger des Dark Enlightenment. Seine politökonomische Ideologie charakterisiert er als „nationallibertär“. Das scheint seine eigene Wortschöpfung zu sein, die wohl einerseits nach kapitalistischem Unternehmergeist klingen, andererseits aber rechtfertigen soll, dass Beale gegen Arbeitsmigration und freien Handel ist, die ja als libertäre Kernforderungen gelten. Beale wirbt gern für die einwanderungs- und islamfeindlichen Populismen Europas, indem er sie seiner vornehmlich aus den USA stammenden Leser_innenschaft als Vorbilder anpreist. Meiner Einschätzung nach steht er der autoritär-etatistischen europäischen Rechten mentalitätsmäßig näher als den US-Konservativen mit ihrer Laissez-faire-Mentalität, versucht aber zugleich, auf allen nur möglichen Hochzeiten zu tanzen. Seine Blogs Vox Popoli (sic!) und Alpha Game sind jedenfalls bei rechten Evangelikalen, Männerrechtlern und diversen Verschwörungsgläubigen äußerst beliebt.


Interessant ist, dass Beale ausgerechnet die Taliban als Autoritäten im Kampf gegen Bildungsmöglichkeiten für Frauen anruft:

Ironically, in light of the strong correlation between female education and demographic decline, a purely empirical perspective on Malala Yousafzai, the poster girl for global female education, may indicate that the Taliban’s attempt to silence her was perfectly rational and scientifically justifiable.

Neben der Tatsache, dass ihm offenbar nicht klar ist, was das Wort ‚empirisch‘ bedeutet, ist das ein typisches Beispiel für Beales Argumentationsweise: Er schiebt seine eigenen Ansichten anderen unter, um nötigenfalls behaupten zu können, er habe doch nie im Leben dazu aufgerufen, Teenager_innen, die sich für Schulbildung einsetzen, ins Gesicht zu schießen. Dummerweise hat er nicht damit gerechnet, dass die Taliban über eine gut funktionierende Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit verfügen. Ihsanullah Ihsan, ein Sprecher der pakistanischen Taliban, rechtfertigte den Mordanschlag damit, dass Malala „Negativpropaganda“ über den Islam verbreite und proamerikanisch eingestellt sei. Wörtlich bezeichnete er sie als ein „Wahrzeichen der Ungläubigen und der Unzucht“. Später verkündete er, Malala sei eine Spionin, die von „den Zionisten“ bezahlt worden sei, Geheiminformationen über die Taliban an westliche Medien weiterzugeben. Und nicht nur das, der Talibansprecher betonte ausdrücklich, Malala sei nicht wegen ihres Bildungsaktivismus attackiert worden:

Had it been for education, then there are scores of girls who go out to school (they would have been attacked too).

Drittens behauptete er noch, Malala habe versucht, Konflikte in der paschtunischen Gesellschaft anzuheizen. Das dürfte dem wahren Grund für den viehischen Anschlag am nächsten kommen. Handelt es sich bei der Behauptung, Malala sei eine „zionistische“ Spionin, um eine völlig abstruse antisemitische Verschwörungstheorie, und entbehrt auch der Vorwurf der antiislamischen Propaganda jeder Grundlage, ist doch leicht vorstellbar, was den Hass der Taliban erregt hat: Malala ist nicht nur gläubige Muslimin, sondern auch ethnische Paschtunin – und hat dennoch kein Problem damit, wenn Mädchen die Schule besuchen. Die Taliban berufen sich zur Rechtfertigung ihres Handelns aber stets auf ihre paschtunische Identität. Auch den Anschlag auf Malala begründete Ihsanullah Ihsan mit „dem Islam und paschtunischen Traditionen“.


In der Taliban-Ideologie sind zwei ideologische Stränge zu unterscheiden. Einerseits erhoben die Taliban den Anspruch, da weiterzumachen, wo die afghanischen Mudschahedin aufgehört hatten: Nach dem Krieg gegen die atheistische Sowjetunion sei der Kampf auf den dekadenten Westen auszudehnen. Das erklärt das Bündnis der afghanischen Taliban mit dem internationalen Dschihadismus, der in den 1990ern und frühen 2000ern vor allem von al-Qaida verkörpert wurde. Für dieses Bündnis wird heute hauptsächlich der mutmaßlich verstorbene Mullah Mohammed Omar verantwortlich gemacht, der sich 1996 zum Befehlshaber der Gläubigen (amir al-muminin) ausrufen ließ, womit er beanspruchte, das politische und religiöse Oberhaupt der weltweiten islamischen Gemeinschaft zu sein – ganz ähnlich wie heute der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi. Da es aber gerade das Bündnis mit Bin Laden & Co. war, das 2001 zum US-geführten Krieg gegen die Taliban führte, erfreut sich Mullah Omars Linie bei heutigen Taliban-Chefs nicht gerade großer Beliebtheit. Von Anfang an gehörte ein zweites, gewissermaßen innenpolitisches Element zur Taliban-Ideologie. Nachdem die verschiedenen Mudschahedin-Gruppen mehr oder weniger (meistens weniger) einmütig gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, brachen sofort nach dem Zusammenbruch der prosowjetischen afghanischen Regierung 1992 bewaffnet ausgetragene Konflikte zwischen den Mudschahedin-Gruppen aus. In dieser Situation vermochten es die Taliban, sich als Law-and-Order-Macht darzustellen, die in einer chaotischen politischen Situation der einzige Garant für die Sicherheit der Bevölkerung sei. Von diesem Nimbus zehren die Taliban bis heute – und natürlich gibt es westliche Journalist_innen, die ihnen auf den Leim gehen. Dabei ist zur Genüge bekannt, auf welche Weise die Taliban für Ruhe und Ordnung sorgten: andauernde Schikanen, Massaker an schiitischen Gläubigen, als Volksfeste zelebrierte Hinrichtungen und dergleichen mehr. Die eklektische Mischung aus deobandischer Theologie und paschtunischem Ethos, mit dem die Taliban ihr brutales Regime rechtfertigten, trägt Züge eines religiös verbrämten Ethnonationalismus. Das gilt auch für den pakistanischen Zweig der Taliban, der für das Attentat auf Malala verantwortlich ist und zur Legitimation seiner Übergriffe den angeblichen Sittenverfall der pakistanischen Gesellschaft anführt.


Wie sich gezeigt hat, gehen aber nicht einmal die Taliban so weit, Mordanschläge auf Jugendliche als ein „durchaus vernünftiges und wissenschaftlich begründbares“ Mittel gegen die angeblichen Übel der Frauen- und Mädchenbildung anzusehen. Um das Attentat auf Malala zu rechtfertigen, mussten sie sich eine antisemitische Verschwörung ausdenken. Es ist nicht gerade beruhigend, dass der Rassist und Antifeminist Theodore Beale im direkten Vergleich barbarischer als selbst die Taliban denkt, wenn auch (bis jetzt) nicht handelt. Ein Kommentator in Beales Blog denkt trotzdem über die Gründung eines US-amerikanischen Ablegers der Taliban nach, schließt aber ernüchtert:

The trick is, how to set up and implement a Taliban-style movement here. […] Even the Muslims of my acquaintance are gung-ho about their daughters attending college and grad school and becoming professionals.

Zu dumm auch, wenn man sich zur Bekräftigung seiner reaktionären Ansichten auf den Islam berufen will, aber feststellen muss, dass die Muslime nicht mitspielen.