Postpatriarchen im Geburtsvorbereitungskurs

Seit der Geburt meiner Tochter vor zwei Monaten beschäftigt mich das Bild von Mannsein/Männlichkeit, das in der Geburtsvorbereitung und -hilfe konstruiert wird.


Es fing an in der gynäkologischen Praxis: Männer, so hieß es, können es nicht ertragen, wenn ihre Frauen vaginal untersucht werden, bzw. wenn ein Ultraschallkopf vaginal eingeführt wird. Das sei der Grund dafür, warum werdende Väter während der Ultraschalluntersuchung am Kopfende der Liege stehen sollten. Wozu diese Erklärung? Es ist offensichtlich, dass man sich ans Kopfende stellen muss, wenn man den Monitor mit dem Ultraschallbild sehen möchte. Weiter ging es im Geburtsvorbereitungskurs: Männer wollen anscheind nichts von der Plazenta wissen und sie im Kreißsaal am liebsten gar nicht zu Gesicht bekommen. Ebenfalls ein für Männer unerträglicher Gedanke ist anscheinend, dass die meisten auf natürlichem Weg geborenen Kinder während des Austritts aus dem Geburtskanal Richtung Hintern der Mutter gucken. Das (und vieles weitere) wurde in der gynäkologischen wie in der Hebammenpraxis mit größtem Ernst vertreten, meist verbunden mit unheilvollen Andeutungen, dass einigen anwesenden Männern vielleicht schlecht würde, wenn das entsprechende Thema zu explizit zur Sprache käme. Ich muss sagen, dass ich mir ziemlich den Kopf zerbrochen habe, wozu dieses ständige Nichtwissenwollen der Männer beschworen wurde. Klar, es ist üblich, im Alltag noch die banalsten Distinktionen in den Vorlieben von Individuen auf die Geschlechterdifferenz zurückzuführen. Das erklärt aber m.E. nicht, warum in diesem Fall ein Männern unerträglicher Ekel vor bestimmten körperlichen Vorgängen und geburtshilflichen Maßnahmen behauptet wurde.


Mir kam der Gedanke, dass es sich vielleicht um eine verklausulierte Erziehungsmaßnahme handeln könnte: Es wird angenommen, werdende Väter interessierten sich für die falschen Dinge, indem sie etwa fasziniert die Plazenta betrachten, statt sich auf Partnerin und Neugeborenes zu konzentrieren. Entsprechende Hinweise auf die fehlgeleitete Aufmerksamkeit von Vätern gab es im Geburtsvorbereitungskurs einige, und ich kann mir gut vorstellen, dass sie berechtigt sind. Ganz allgemein gilt natürlich auch: Es gibt Menschen, die (völlig unabhängig von ihrer Geschlechtskategorie) den Anblick größerer Mengen Blut nur schwer ertragen können. Da kann ein dezenter Hinweis schon angebracht sein, es könnte gut sein, Absprachen mit der Partnerin (oder dem Partner, im Falle gebärender Männer) zu treffen und in heiklen Momenten den Kreißsaal kurz zu verlassen. Nur waren die Hinweise, die ich beschrieben habe, alles andere als dezent.


Die Botschaft, die da an Männer ausgesendet wird, ist: Seht nicht so genau hin. Das hier ist nichts für euch. Man könnte das für ein Überbleibsel der patriarchalen Vorstellung halten, dass Geburt und alles, was damit zu tun hat, Frauensache ist. Männer hätten weder während der Geburt noch am Wochenbett anwesend zu sein. Das geht aber an den heutigen Verhältnissen vorbei, denn die Anwesenheit des Vaters während der Geburt ist ja ausdrücklich erwünscht. Das Patriarchat zeichnet sich gerade nicht dadurch aus, dass es Männern schrankenlosen Zutritt zu Frauenräumen gestattet. Im Gegenteil, es ist von einer weitreichenden Trennung der alltäglichen Lebensbereiche von Frauen und Männern gekennzeichnet. Die männliche Macht besteht im Patriarchat eher darin, über Leben und Tod von Frauen entscheiden zu können. Mit dem Recht des patriarchalen Mannes, seine Frau jederzeit schwängern zu können, war dieses Recht gewährleistet, solange Schwangerschaft mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden war: Jede weitere Schwangerschaft konnte den Tod bedeuten. Die moderne Medizin hat dieses Risiko minimiert. Über das gesundheitliche Befinden von Schwangeren, Gebärenden und Wöchner_innen entscheidet heute nicht mehr der patriarchale Mann, sondern das Geburtshilfe-Team. Das erklärt für mich am besten die an werdende Väter gerichteten Warnungen vor angeblich Unerträglichem im Geburtsvorgang: Im Kreißsaal des Krankenhauses sieht der diminuierte Postpatriarch seiner eigenen Entrechtung zu.


Das klassische Patriarchat mit seiner auf Komplementarität beruhenden Geschlechterordnung ist erodiert. Die strikte soziale Trennung in weibliche und männliche Sphären, die die Individuen mit ihren sozialen Rollen identisch setzte, stand der doppelten Vergesellschaftung von Frauen im Weg. Von der patriarchalen Komplementarität der Geschlechter ist nicht viel mehr übrig geblieben als die bloße Binarität der Geschlechter, die meist biologistisch begründet wird. Hier hat die Unsicherheit und Verrohung von Männern, wie sie sich anhand von Phänomenen wie PUA und PUA-Hass, Maskulinismus und Männerrechtsbewegung beobachten lassen, ihren Ursprung: Männliche Herrschaft, die sich nur noch legitimieren lässt durch evolutionspsychologisch begründete Verweise (z.B. dass Männer angeblich besser einparken können), steht auf wackligen Füßen. Dabei werden Männer im Spätkapitalismus noch immer bevorzugt. Die im Berufsleben weithin akzeptierte Trennung von Individuum und sozialer Rolle (kein Mensch geht ganz in seinem Beruf auf), ist im Falle der doppelten Vergesellschaftung von Frauen nur zur Hälfte realisiert. Was im Berufsleben gilt, wird im Reproduktionsbereich immer noch verweigert: In ihrer Rolle als Hausfrauen und Mütter sollen Frauen ganz aufgehen. Dies strahlt auch auf die Vergesellschaftung von Frauen in der Produktion aus. Die Diskriminierung von Frauen im Beruf (niedrigere Löhne, gläsernde Decke etc.) wird, sofern sie einmal explizit zur Sprache kommt, mit dem Schwangerwerdenkönnen gerechtfertigt. Der im Reproduktionsbereich ungebrochen herrschende Rollenzwang setzt berufstätige Frauen permanent dem Verdacht aus, für das Berufsleben weniger geeignet zu sein als Männer. Warum sollten für sie also gleiche Bedingungen gelten?


Es ist also nach wie vor so, dass Männer erheblich mehr Freiheiten genießen als Frauen. Umso erstaunlicher finde ich die anhaltende Problematisierung von Männlichkeit im Kontext Schwangerschaft und Geburt. Immerhin können Männer sicher sein, dass sie zwar die Zumutungen der Lohnarbeit zu ertragen haben, aber weitgehend sicher davor sind, in die totale Rollenidentifikation des Reproduktionsbereichs gezwungen zu werden. Männer können sich aussuchen, wie viel Zeit sie für Vatersein (und Hausarbeit) aufbringen wollen. Frauen können das in Bezug auf Muttersein nicht. Trotzdem ist der Verlust des alten Patriarchenrechts an den anonymen Apparat Medizin anscheinend Verunsicherung genug, um für allerhand bedenkliche Entwicklungen zu sorgen. So vertritt die Männerrechtsbewegung ganz offen die Vorstellung, nur solche Frauen seien marriageable (das ist der in solchen Kreisen übliche Terminus), die jederzeit bereit sind, sich von ihrem Ehemann schwängern zu lassen. Schon die Vorstellung, dass Frauen selbst entscheiden, ob sie Hausfrauendasein und Mutterschaft mit allen dazugehörigen Zwängen auf sich nehmen wollen, gilt den Maskus als unerträglich.


Auf der einen Seite tobt sich also der verrohte Überrest der patriarchalen Ideologie aus, auf der anderen Seite wartet die Unterordnung unter den technokratischen (heißt: verwertungsorientierten) Gesundheitsbetrieb. Damit lässt sich das eingangs geschilderte Bild von Männlichkeit als Vermittlungsversuch zwischen beiden Seiten interpretieren. Als solches wirkt es allerdings reichlich inadäquat. Eine emanzipatorische Position kommt ohnehin nicht umhin, beide Seiten zu kritisieren, das Patriarchat wie die Technokratie.

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Der Rassenkrieger und die Taliban

Theodore Beale ist die so ziemlich abstoßendste Erscheinungsform des Internetfaschos, die man sich vorstellen kann: Er wünscht sich Anders Behring Breivik als zukünftigen Nationalhelden Norwegens und ist nach PUA-Manier überzeugt, dass die sexuelle Attraktivität von Männern mit dem Grad ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen steigt. Beale ist der Sohn des Unternehmers und ehemaligen Multimillionärs Robert Beale, einem evangelikalen Christen, der 1988 den Fernsehprediger Pat Robertson bei seiner Präsidentschaftskandidatur unterstützte. Mittlerweile sitzt Beale senior im Gefängnis, weil er aufgrund einer (gelinde gesagt) eigenwilligen Interpretation der US-Verfassung zu der Überzeugung gelangte, er sei nicht zum Zahlen von Steuern verpflichtet. Daraufhin begann er einen erbitterten Kampf gegen die US-Steuerfahndungsbehörde IRS, der damit endete, dass Beale wegen Steuerhinterziehung und Bedrohung eines Bundesrichters zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Beale junior begann seine Karriere als Kolumnist bei der ultrakonservativen Newssite WorldNetDaily, bei der sein Vater Anteilseigner und Vorstandsmitglied war. Zwischenzeitlich versuchte er sich als Spieledesigner, als Texter für die Band Psykosonik und als Fantasy-Autor. Dieser letzte Karriereversuch nahm ein unrühmliches Ende, als der Berufsverband Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) Beales Mitgliedschaft kündigte, weil er ihr offizielles Twitterkonto zum Verbreiten rassistischer hate speech missbraucht hatte. Seitdem betreibt er den in Finnland ansässigen Kleinstverlag Castalia House und ist ansonsten vor allem als rechtsradikaler Blogger bekannt. Als Autor, ob on- oder offline, tritt Beale meist unter dem Pseudonym Vox Day auf – und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich tatsächlich als Stimme Gottes versteht.


Wie sein Vater ist er evangelikaler Christ, bestreitet die Evolution und den Klimawandel. Er ist Impfgegner und ruft dazu auf, Kinder zu Hause zu unterrichten, da sie in öffentlichen Schulen angeblich indoktriniert würden. Neben diesen Positionen, die typisch für die christliche Rechte in den USA sind, vertritt Beale immer wieder auch biologistische und szientistische Ansichten. Homosexualität ist für ihn weniger eine Sünde als eine Krankheit, und eines seiner Lieblingsthemen ist eine rassistische ‚Theorie‘ namens human subspeciesism. Dabei handelt es sich um eine Spielart des „Rassismus ohne Rassen“ (Étienne Balibar), der terminologische Anklänge an die klassischen Rassentheorien, die seit dem Ende des nationalsozialistischen Regimes mehr oder weniger diskreditiert sind, zu vermeiden sucht. Ideologische Grundlage ist aber wie bei früheren Rassentheorien die Annahme, die Weltbevölkerung sei in drei ‚Großrassen‘ einzuteilen, die europide (oder kaukasoide), negride und mongolide ‚Rasse‘. Nur gebraucht Beale diese Bezeichnungen nicht, sondern spricht von drei Unterarten (subspecies) der Art Homo sapiens. Diese Unterarten seien durch Vermischungen des Homo sapiens mit anderen Homo-Arten entstanden. Demzufolge sind

  • schwarze Menschen ‚reine‘ Homo sapiens.
  • asiatische Menschen Homo sapiens, die sich mit dem Denisova-Menschen vermischt haben.
  • weiße Menschen Homo sapiens, die sich mit Homo neanderthalensis vermischt haben.

Daraus ergibt sich laut Beale eine Rangfolge unter den subspecies. Schwarze seien körperlich leistungsfähiger, Weiße intelligenter und Asiat_innen disziplinierter. Wie man sieht, handelt es sich um altbekannte rassistische Klischees, die Beale da vertritt, notdürftig verkleidet durch die Einführung einer neuen Terminologie. Und natürlich leitet er daraus die Forderung ab, die hochintelligenten Homo-sapiens-neanderthalensis-Hybriden müssten sich mittels geschlossener, militärisch verteidigter Grenzen vor Immigration (für die Beale gern das Wort Invasion gebraucht) schützen.


Beales eigentliches Leib-und-Magen-Thema, bei dem er sich regelmäßig in wahre Tiraden reinsteigert, ist aber der angebliche Zusammenhang zwischen Bildungsmöglichkeiten für Frauen und schrumpfenden Bevölkerungszahlen. Angesichts der rassistischen Grundlage von Beales Denken ist es nicht weiter verwunderlich, dass er überzeugt ist, gutes Leben sei gleichzusetzen mit biologischem Überleben. Sprich: Die Aufgabe von (weißen) Frauen ist es, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, denn sinkende Geburtenraten führen unweigerlich zum Ruin der Wirtschaft, zum Verfall der Kultur und dem Ende aller Zivilisation. Der Grund dafür ist, dass Frauen verhängnisvollerweise Zugang zu höherer Bildung gewährt wurde – ein Fehler, den Beale lieber heute als morgen rückgängig machen würde. Frauen mit Universitätsabschluss, so erklärt Beale auf seinem Blog Alpha Game, sind zu anspruchsvoll, was die Wahl ihrer männlichen Sexualpartner angeht. Finden sie keinen Mann, der ihnen gefällt, bleiben sie lieber kinderlos, statt sich mit dem erstbesten Doppelrippträger zufriedenzugeben, „as their mothers and grandmothers did“. Diesen Sachverhalt kann Beale gar nicht genug beklagen, denn wenn arische, Verzeihung: Homo-sapiens-neanderthalensis-Frauen keine künftigen Rassenkrieger mehr zur Welt bringen, stehen natürlich sofort die bösen ‚reinen‘ Homo-sapiens-Horden vor den Toren. Das alles ist so absurd, ressentimentgeladen und pathetisch, dass ich es kaum ernst nehmen mag. Aber Beale ist nicht einfach nur ein Spinner, sondern für die verschiedenen Spielarten der radikalen Rechten in den USA eine wichtige Integrationsfigur. Wie bereits geschildert, bedient er einerseits die Diskurse der religiösen Rechten, andererseits aber auch die der sich ‚wissenschaftlich‘ und positivistisch gebenden reaktionären Bewegungen wie Männerrechtlern und white suprematists. Zudem vertritt Beale GamerGate-Positionen und bezeichnet sich als Anhänger des Dark Enlightenment. Seine politökonomische Ideologie charakterisiert er als „nationallibertär“. Das scheint seine eigene Wortschöpfung zu sein, die wohl einerseits nach kapitalistischem Unternehmergeist klingen, andererseits aber rechtfertigen soll, dass Beale gegen Arbeitsmigration und freien Handel ist, die ja als libertäre Kernforderungen gelten. Beale wirbt gern für die einwanderungs- und islamfeindlichen Populismen Europas, indem er sie seiner vornehmlich aus den USA stammenden Leser_innenschaft als Vorbilder anpreist. Meiner Einschätzung nach steht er der autoritär-etatistischen europäischen Rechten mentalitätsmäßig näher als den US-Konservativen mit ihrer Laissez-faire-Mentalität, versucht aber zugleich, auf allen nur möglichen Hochzeiten zu tanzen. Seine Blogs Vox Popoli (sic!) und Alpha Game sind jedenfalls bei rechten Evangelikalen, Männerrechtlern und diversen Verschwörungsgläubigen äußerst beliebt.


Interessant ist, dass Beale ausgerechnet die Taliban als Autoritäten im Kampf gegen Bildungsmöglichkeiten für Frauen anruft:

Ironically, in light of the strong correlation between female education and demographic decline, a purely empirical perspective on Malala Yousafzai, the poster girl for global female education, may indicate that the Taliban’s attempt to silence her was perfectly rational and scientifically justifiable.

Neben der Tatsache, dass ihm offenbar nicht klar ist, was das Wort ‚empirisch‘ bedeutet, ist das ein typisches Beispiel für Beales Argumentationsweise: Er schiebt seine eigenen Ansichten anderen unter, um nötigenfalls behaupten zu können, er habe doch nie im Leben dazu aufgerufen, Teenager_innen, die sich für Schulbildung einsetzen, ins Gesicht zu schießen. Dummerweise hat er nicht damit gerechnet, dass die Taliban über eine gut funktionierende Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit verfügen. Ihsanullah Ihsan, ein Sprecher der pakistanischen Taliban, rechtfertigte den Mordanschlag damit, dass Malala „Negativpropaganda“ über den Islam verbreite und proamerikanisch eingestellt sei. Wörtlich bezeichnete er sie als ein „Wahrzeichen der Ungläubigen und der Unzucht“. Später verkündete er, Malala sei eine Spionin, die von „den Zionisten“ bezahlt worden sei, Geheiminformationen über die Taliban an westliche Medien weiterzugeben. Und nicht nur das, der Talibansprecher betonte ausdrücklich, Malala sei nicht wegen ihres Bildungsaktivismus attackiert worden:

Had it been for education, then there are scores of girls who go out to school (they would have been attacked too).

Drittens behauptete er noch, Malala habe versucht, Konflikte in der paschtunischen Gesellschaft anzuheizen. Das dürfte dem wahren Grund für den viehischen Anschlag am nächsten kommen. Handelt es sich bei der Behauptung, Malala sei eine „zionistische“ Spionin, um eine völlig abstruse antisemitische Verschwörungstheorie, und entbehrt auch der Vorwurf der antiislamischen Propaganda jeder Grundlage, ist doch leicht vorstellbar, was den Hass der Taliban erregt hat: Malala ist nicht nur gläubige Muslimin, sondern auch ethnische Paschtunin – und hat dennoch kein Problem damit, wenn Mädchen die Schule besuchen. Die Taliban berufen sich zur Rechtfertigung ihres Handelns aber stets auf ihre paschtunische Identität. Auch den Anschlag auf Malala begründete Ihsanullah Ihsan mit „dem Islam und paschtunischen Traditionen“.


In der Taliban-Ideologie sind zwei ideologische Stränge zu unterscheiden. Einerseits erhoben die Taliban den Anspruch, da weiterzumachen, wo die afghanischen Mudschahedin aufgehört hatten: Nach dem Krieg gegen die atheistische Sowjetunion sei der Kampf auf den dekadenten Westen auszudehnen. Das erklärt das Bündnis der afghanischen Taliban mit dem internationalen Dschihadismus, der in den 1990ern und frühen 2000ern vor allem von al-Qaida verkörpert wurde. Für dieses Bündnis wird heute hauptsächlich der mutmaßlich verstorbene Mullah Mohammed Omar verantwortlich gemacht, der sich 1996 zum Befehlshaber der Gläubigen (amir al-muminin) ausrufen ließ, womit er beanspruchte, das politische und religiöse Oberhaupt der weltweiten islamischen Gemeinschaft zu sein – ganz ähnlich wie heute der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi. Da es aber gerade das Bündnis mit Bin Laden & Co. war, das 2001 zum US-geführten Krieg gegen die Taliban führte, erfreut sich Mullah Omars Linie bei heutigen Taliban-Chefs nicht gerade großer Beliebtheit. Von Anfang an gehörte ein zweites, gewissermaßen innenpolitisches Element zur Taliban-Ideologie. Nachdem die verschiedenen Mudschahedin-Gruppen mehr oder weniger (meistens weniger) einmütig gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, brachen sofort nach dem Zusammenbruch der prosowjetischen afghanischen Regierung 1992 bewaffnet ausgetragene Konflikte zwischen den Mudschahedin-Gruppen aus. In dieser Situation vermochten es die Taliban, sich als Law-and-Order-Macht darzustellen, die in einer chaotischen politischen Situation der einzige Garant für die Sicherheit der Bevölkerung sei. Von diesem Nimbus zehren die Taliban bis heute – und natürlich gibt es westliche Journalist_innen, die ihnen auf den Leim gehen. Dabei ist zur Genüge bekannt, auf welche Weise die Taliban für Ruhe und Ordnung sorgten: andauernde Schikanen, Massaker an schiitischen Gläubigen, als Volksfeste zelebrierte Hinrichtungen und dergleichen mehr. Die eklektische Mischung aus deobandischer Theologie und paschtunischem Ethos, mit dem die Taliban ihr brutales Regime rechtfertigten, trägt Züge eines religiös verbrämten Ethnonationalismus. Das gilt auch für den pakistanischen Zweig der Taliban, der für das Attentat auf Malala verantwortlich ist und zur Legitimation seiner Übergriffe den angeblichen Sittenverfall der pakistanischen Gesellschaft anführt.


Wie sich gezeigt hat, gehen aber nicht einmal die Taliban so weit, Mordanschläge auf Jugendliche als ein „durchaus vernünftiges und wissenschaftlich begründbares“ Mittel gegen die angeblichen Übel der Frauen- und Mädchenbildung anzusehen. Um das Attentat auf Malala zu rechtfertigen, mussten sie sich eine antisemitische Verschwörung ausdenken. Es ist nicht gerade beruhigend, dass der Rassist und Antifeminist Theodore Beale im direkten Vergleich barbarischer als selbst die Taliban denkt, wenn auch (bis jetzt) nicht handelt. Ein Kommentator in Beales Blog denkt trotzdem über die Gründung eines US-amerikanischen Ablegers der Taliban nach, schließt aber ernüchtert:

The trick is, how to set up and implement a Taliban-style movement here. […] Even the Muslims of my acquaintance are gung-ho about their daughters attending college and grad school and becoming professionals.

Zu dumm auch, wenn man sich zur Bekräftigung seiner reaktionären Ansichten auf den Islam berufen will, aber feststellen muss, dass die Muslime nicht mitspielen.